Freitag, 18. Januar 2013

Gretes Poesiealbum 1912 - “Segenswunsch” und “kleiner Wunsch”

Aus dem Poesiealbum einer Margarete, in den Eintragungen meist „Grete” genannt. Das erste Foto zeigt für heutige Verhältnisse etwas bedrückende „Belehrungen” des Vaters, die Zeilen wurden am 24.1.1912 geschrieben und „Segenswunsch” genannt: “Vertraue dem Rat Deines Vaters und befolge die Wünsche Deiner Mutter: es wird dir stets von Nutzen sein !”

Nur einen Tag später, am 25. Januar schrieb der Bruder Oscar in etwas aufgelockerterer Form seinen „kleinen” Wunsch, der beinhalt, die Schwester möge „für immer glücklich sein”. In der dritten Zeile heißt das letzte Wort „Stammbuch“, so nannte man das Poesiealbum damals.

Foto (s): Brigitte Stolle

 Hier meine Transkription von Oscars Eintrag:

 Ich sann wohl immer hin und her,
Was in dein Stammbuch passend wär’,
Da fiel der kleine Wunsch mir ein
Du mögest immer glücklich sein.

Gretes Poesiealbum 1916 - Die Stunde kommt …

Schwermütige Zeilen hat die “Freundin Käthe” am 21. März 1916 in Sütterlinschrift ins Poesiealbum geschrieben - und so hübsch dazu gezeichnet.

 O lieb’, solang du lieben kannst !
O lieb’, solang du lieben magst !
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst !

 

Es handelt sich um die erste Strophe eines Gedichts des Lyrikers Hermann Ferdinand Freiligrath (1810 - 1876). Die ersten vier Strophen wurden von dem Komponisten Franz Liszt vertont und sind eines von Liszts berühmtesten Werken.

 Und so geht das ganze Gedicht:

 O lieb’, solang du lieben kannst !
O lieb’, solang du lieben magst !
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst !

Und sorge, daß dein Herze glüht
Und Liebe hegt und Liebe trägt,
Solang ihm noch ein ander Herz
In Liebe warm entgegenschlägt !

Und wer dir seine Brust erschließt,
O tu ihm, was du kannst, zulieb’!
Und mach’ ihm jede Stunde froh,
Und mach ihm keine Stunde trüb !

Und hüte deine Zunge wohl,
Bald ist ein böses Wort gesagt !
O Gott, es war nicht bös gemeint, -
Der andre aber geht und klagt.

O lieb’, solang du lieben kannst !
O lieb’, solang du lieben magst !
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst !

Dann kniest du nieder an der Gruft
Und birgst die Augen, trüb und naß, -
Sie sehn den andern nimmermehr -
Ins lange, feuchte Kirchhofsgras.

Und sprichst: O schau’ auf mich herab,
Der hier an deinem Grabe weint!
Vergib, daß ich gekränkt dich hab’!
O Gott, es war nicht bös gemeint !

Er aber sieht und hört dich nicht,
Kommt nicht, daß du ihn froh umfängst;
Der Mund, der oft dich küßte, spricht
Nie wieder: Ich vergab dir längst !

Er tat’s, vergab dir lange schon,
Doch manche heiße Träne fiel
Um dich und um dein herbes Wort -
Doch still - er ruht, er ist am Ziel !

O lieb’, solang du lieben kannst !
O lieb’, solang du lieben magst !
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst !

 (Hermann Ferdinand Freiligrath)