Donnerstag, 11. Februar 2016

Mein Buchtipp: Ekkehard

Was lesen wir heute?
Mein Buchtipp: Ekkehard 

Eine Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert
von Joseph Viktor von Scheffel.

Ekkehard Eine Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert ScheffelBuchbesprechung:

1852 geriet Scheffel in eine ernst zu nehmende Lebenskrise. Der vielseitig interessierte und gebildete Jurist wollte seinem Leben eine neue Wendung geben: “Der Teufel soll’s holen, daß man sich mit so ungeheurem Schund abzugeben hat. Und lediglich wegtrinken läßt sich der Ärger nicht … Die ganze lebensfrische Anschauung der Dinge wird durch dieses ewige Aktenlesen, durch diese Hantierung mit Tinte und Feder demoralisiert. … Ich halt’s nicht mehr lange aus …”. Scheffel hatte im Sinn, Maler zu werden. Zur Verwirklichung seiner Träume reiste er - wie viele andere zu seiner Zeit - nach Italien, ins “Land der Sehnsucht”. Seine Träume wurden Wirklichkeit: Der Aussteiger lebte in einer Malerkolonie. Kurz darauf schrieb er auf Capri seinen “Trompeter von Säckingen“. Aus dem Maler war ein Schriftsteller geworden.

Bald darauf, 1855, erschien der “Ekkehard“, ein historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. Scheffels einziger Roman im Übrigen. Sehr schnell wurde dieses Buch zu einem der meist gelesenen in der deutschen Literatur. Bis heute ist er ein Klassiker geblieben. Obwohl schöngeistige Literatur, ist das historische Umfeld der Geschichte sachlich gut recherchiert. Scheffel war der Meinung, dass es weder der Geschichtsschreibung noch der Poesie etwas schaden kann, wenn sie innige Freundschaft miteinander schließen und sich “zu gemeinsamer Arbeit vereinen”. Im “Ekkehard” ist diese Haltung gut erkennbar: einerseits erfreut der Roman durch seinen Stil, seine Wortwahl. Die leicht archaische Sprache wirkt zugegebenermaßen konstruiert, übt auf den heutigen Leser jedoch einen gewissen Reiz aus. Der Aufbau der Geschichte erzeugt Spannung, häufige wörtliche Rede lockert den Handlungsverlauf auf, die Figuren werden bunt und anschaulich geschildert, kurz: sie stehen lebendig und plastisch vor unserem geistigen Auge. Hier wird Unterhaltung geboten, dies jedoch auf hohem Niveau! Das im “Ekkehard” geschilderte Liebesverhältnis der Herzogin Hadwig zu dem St. Galler Mönch Ekkehard ist historisch nicht belegt, kann aber auch nicht als rein fiktiv-literarisch eingestuft werden. Tatsächlich gab es im Kloster zu Sankt Gallen einen Mönch namens Ekkehard. Dieser wurde, da hochgebildet, von der Herzogin Hadwig als ihr persönlicher Lehrer auf die Burg Hohentwiel beordert. Man beschäftigte sich gemeinsam mit klassischen Sprachen, mit Vergil, mit Horaz. Zwei interessante, gebildete und attraktive Persönlichkeiten trafen hier aufeinander und fühlten sich wohl auch voneinander angezogen. Ekkehard starb 990. Jahre nach seinem Tod - die Beziehung zu der adeligen Dame wurde von Mitbrüdern eifrig in Anekdoten mündlich weitertradiert, wobei Klatsch und Tratsch nicht von der Hand zu weisen sind - nahm sein Namensvetter Ekkehard IV. die Geschichte und das, was im Laufe der Zeit dazugedichtet worden ist, in seine Casus sancti Galli (St. Galler Klostergeschichten) auf. Für den musisch angehauchten Scheffel, der sich für Kunst und Geschichte weit mehr interessierte als für die Juristerei, war dies ein willkommener Fund. Das war der Stoff für seinen historischen Roman! Er baute die Geschichte aus, versuchte jedoch, eine gewisse Authentizität zu erhalten. Ob ein Techtelmechtel zwischen dem Mönch und der Herzogin je stattgefunden hat? Ob Ekkehard tatsächlich in eine tiefe Lebenskrise geriet, hin- und hergerissen zwischen spiritueller Askese und dem Bett einer attraktiven Frau? Wir werden es nie erfahren! So oder so: Scheffel, der historisch Interessierte, hat - unabhängig von der pikanten Romanze, die doch allem Anschein nach in jeder Erzählung, soll sie gelesen werden, vorkommen muss - ernsthaft geforscht und recherchiert. Man taucht beim Lesen tief ein in den Geist der frühmittelalterlichen Geschichte und Kultur. Dass das Ganze auch noch mit einer Portion Humor gewürzt ist, macht die Lektüre zu einem besonderem Erlebnis.

Buchbesprechung © Brigitte Stolle

Sie muss unbedingt auf meine Ausflugs-Wunschliste: Die Festungsruine Hohentwiel (einen Prospekt habe ich schon mal :-) Vielleicht klappt es ja in diesem Jahr.

Kommentar hinzufügen

Die Felder Name und Kommentar sind Pflichtfelder.