Dienstag, 13. Dezember 2016

Vierzig Grad Lampenfieber in Bethlehems Stall

Vierzig Grad Lampenfieber in Bethlehems Stall

“Als ich 6 Jahre alt war, siedelte ich von Neckarhausen nach Edingen über. Meine Mutter musste nicht mehr arbeiten gehen; ich hatte einen kleinen Bruder bekommen und sie blieb daheim und passte auf ihn auf. Ich ging immer noch nicht gerne in den Kindergarten, aber im Gegensatz zu Oma musste ich bei Mama trotzdem hin. Unsere Edinger Kindergärtnerin war eine Nonne vom Orden der Niederbronner Schwestern und hieß Schwester Maria Lena. Ich mochte sie gerne, sie war eine kleine, lustige und herzliche Frau. Meist ließ sie mich in Frieden. Ich hatte viel Freiheit und durfte mich beschäftigen, wie ich es mochte. Ich mochte es zum Beispiel nicht, mit den anderen Kindern im Kreis zu sitzen und zu singen. Im Kindergarten-Hof neben der Bruder-Klaus-Kirche grobe Völkerball-Spiele zu spielen, war auch nicht nach meinem Geschmack. Ich war ein schüch­ternes Kind und mochte es am liebsten, alleine an einem Tisch zu sitzen und mit Kunststoff-Steckblumen phantastische Gebilde zusammen­zustecken. Es gab gemeinsame Frühstückszeiten, gemeinsame Ruhezeiten, gemeinsame Spiel- und Singzeiten, aber ansonsten hatte ich meine Ruhe und konnte meinen Gedanken nachhängen. Wer gerne mitten im tobenden Leben und im wilden Tumult war, war hier ebenfalls am richtigen Ort und fand Gleichgesinnte. Eigentlich war es eine nicht allzu unangenehme Zeit – bis in meinem letzten Kindergartenjahr etwas völlig Überraschendes geschah …

Ich hatte gerade aus der Steckblumen-Kiste sämtliche roten Blumen hervorgekramt und sie ordentlich auf dem Spieltisch ausgelegt. Heute wollte ich ein ganz und gar rotes Gebilde in rie­sigen Ausmaßen schaffen, als Schwester Maria Lena sich einen Stuhl an den Tisch heranzog und sich setzte.

„Und du wirst der Erzengel Gabriel sein“, sagte sie zu mir.

Ich erschrak furchtbar und dachte zuerst an ein Versehen, an einen kleinen Scherz … Aber es war ihr heiliger Ernst. Eine Weihnachtsfeier sollte stattfinden, Eltern und Gemeindemitglieder würden eingeladen werden, die Weihnachtsgeschichte würde zur Aufführung kommen. Maria und Josef seien schon ausgewählt, die Hirten- und Engel­rollen verteilt und nun fehle noch der wichtigste Engel, der Erzengel Gabriel, der in zwei rauschenden Auftritten frohe Botschaften zu verkündigen habe. Ich sei, sagte Schwester Maria Lena, die Richtige für diese Rolle, weil ich das am längsten aufgeschossene Mädchen im ganzen katholischen Kindergarten sei und der Erzengel Gabriel ein großer und bedeutender Engel. Zwei oder drei Sätze nur hätte ich auswendig zu lernen und ab sofort würden wir die Sätze jeden Tag üben. Sie würde mir vorsprechen, ich würde nachsprechen und bis zur Kindergartenaufführung im Advent würde der Text gut sitzen. Ich war nicht überzeugt und wollte diese Ehrenrolle nicht haben. Es wurde mir ein langes, weißes Gewand versprochen, aus der Kleiderkammer der Ministranten entliehen, goldene Engelsflügel aus Pappe sollte ich erhalten und weil ich einen kurzen Bubikopf trug, würde eine blondlockige Perücke mich engelsgleicher machen. Aber so sehr Schwester Maria Lena sich auch bemühte, mir die Sache schmackhaft zu machen, mein Herz wurde schwer …

Die freundliche Kindergärtnerin
Schwester Maria Lena (links):

… Wir fingen auch gleich mit dem Üben an, vorerst noch ohne rauschendes weißes Gewand. Ich musste mit meinem grauen Strickkleidchen und den blauen Strumpfhosen vor Rita hintreten, die eine begeisterte Jungfrau Maria spielte, und sagen:

„Sei gegrüßt, oh, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Einen Sohn wirst du gebären und den sollst du Jesus nennen.“

Es war mir sehr peinlich, zu Rita „Oh, du Be­gnadete“ zu sagen und ich wusste gar nicht, was „gebären“ bedeuten sollte, aber Rita war zufrieden und strahlte, nachdem sie sich zuerst über den großen Erzengel tüchtig zu erschrecken hatte, übers ganze Gesicht.

„Mach den Mund richtig auf“, sagte Schwester Maria Lena zu mir. „Sprich laut und deutlich. Bei der Aufführung müssen dich alle gut hören können.“

Nach ein paar qualvollen Kindergartentagen saß dieser Auftritt einigermaßen und wir gingen zur zweiten Erzengel-Szene über: Drei kleine Buben lagerten als Hirten auf dem Feld, aber in Wirklichkeit auf dem Fußboden des Spielzimmers. Ich musste, immer noch ohne langes, weißes Gewand, vor sie hinrauschen, sie mussten sich furchtbar erschrecken und die Hände vor den Mund schlagen, um in ihrem Entsetzen nicht laut aufzu­schreien. Das machten sie ganz wunderbar, meinte Schwester Maria Lena. Ich fand, sie machten es übertrieben hysterisch und war neidisch, weil sie keine Sätze sagen, sondern nur vor Schreck nach hinten auf den Rücken fallen mussten. Zu ihnen musste ich laut sagen:

„Fürchtet euch nicht, denn ich verkündige euch eine große Freude: Der Heiland ist geboren. Ihr werdet ein Kindlein finden, das in Windeln ein­gewickelt in einer Krippe liegt.“

Insgesamt waren das schon mehr als die an­gekündigten drei Sätze. Ich hatte genau mitgezählt. Außerdem veränderte sich Anzahl, Länge und Inhalt der Sätze mit jedem Tag. Schwester Maria Lena war mit Herzblut bei der Sache und feilte in ihrer Freizeit an den Sätzen herum, ver­änderte sie, strich und ergänzte … und als ich endlich „Der Heiland ist geboren“ sagen konnte, musste ich am nächsten Tag in „Heute ist euch der Heiland geboren“ umlernen.

Endlich war Schwester Maria Lena mit ihrem Text zufrieden. Plötzlich aber nicht mehr mit der Besetzung. Übers Wochenende, erzählte sie mir an einem Montag, hätte sie sich überlegt, dass ich besser die Jungfrau Maria spielen sollte, neben dem Jesukindlein die eigentliche Hauptrolle in der Weihnachtsgeschichte. Ich sei ja das größte Mädchen im ganzen katholischen Kindergarten und mache deshalb für diese Rolle am meisten her. Die heulende Rita wurde zum Erzengel Gabriel de­gradiert, weil sie diesen Text ja schon mit mir mitgelernt hatte und auswendig hersagen konnte.

Ein neues Problem tauchte auf: Ich war ja nicht nur das größte Mädchen im ganzen Kindergarten, sondern das größte Kind überhaupt. Es gab also keinen Josef, der an meine Seite gepasst hätte. Schwester Maria Lena fand auch hierfür eine Lösung: Sie suchte unter den Ministranten einen großen Buben heraus, einen Zweitklässler, der nun jeden zweiten Nachmittag, peinlich berührt, in den Kindergarten kommen und mit mir üben musste. Wir mussten uns an den Händen halten und singen. Das war noch tausendmal peinlicher, als zu Rita „Oh, du Begnadete“ zu sagen. Dem Zweit­klässler-Josef war es genauso unangenehm wie mir, er ärgerte und genierte sich und ließ seine Wut an mir aus. Wenn wir uns an den Händen hielten und im Wechselgesang mit den Herbergs­leuten laut und deutlich von uns zu geben hatten:

„Wer klopfet an?“
„Oh, zwei gar arme-he Leut.“
„Was wollt ihr denn?“
Wir wollen Herbe-herg heut.“

… stach er mir dabei vor Nervosität mit seinem Fingernagel so heftig in die Kuppe meines rechten Zeigefingers, dass der nach ein paar Tagen ganz wund war und sich eine Aufsehen erregende, entzündete Blase bildete. Die Hausärztin, Frau Dr. L, hielt eine Nadel über eine Kerzenflamme und stach die Blase damit auf. Das tat weh und es floss Blut und Eiter heraus. Mir wurde ganz schwach und flau und ich musste mich auf ihre Sprech­zimmercouch legen, um nicht umzufallen. „Was ist denn das für ein Flegel?“, fragte sie und meine Mutter besuchte Josefs Mutter und beschwerte sich. Von da an hörte der große Zweitklässler mit der Fingernagel-Bohrerei auf und schaute mich nur noch böse an.

Der große Tag kam heran und ich sah ihm mit noch größeren Ängsten entgegen. Der Text saß, fleißige Mütterhände hatten Kostümchen genäht. Ich bekam ein altrosafarbenes Kleid mit weißem Krägelchen samt Schürze und Kopfhaube. Es war mir gar nicht besonders wohl. Die Szene, in welcher der Erzengel Gabriel „Sei gegrüßt, oh, du Begnadete“ zu mir sagte, als ich gerade in der Kammer kniend meine Gebete verrichtete, ging noch ganz gut über die Bühne. Ich hatte mich nur tüchtig vor dem Rita-Engel zu fürchten, tat dies aber dezenter als die blöden Buben-Hirten und ohne nach hinten auf den Rücken zu fallen.

Dann kam es zur Herbergssuche und zum Wechselgesang. Josef klopfte an eine Tür und von drinnen wurde mit piepsiger Aufregungsstimme herausgesungen: „Wer klopfet an?“ Und als wir darauf im Duo „Oh, zwei gar arme-he Leut“ zu antworten hatten, stockte ich und hatte den Satz ganz und gar vergessen. Josef sang alleine und war verunsichert. Ich hörte Schwester Maria Lena, die als Souffleuse irgendwo verborgen im Dunkeln saß, murmeln. Aus dem Zuschauerraum rief plötzlich eine Frau: „Des Kind hot jo hohes Fiewer!“ Menschen stürzten sich auf mich und Hände legten sich auf meine Stirn und auf mein hochrotes Gesicht. In heller Aufregung wurde die Theater­aufführung unterbrochen. Ich wurde auf einen Stuhl gesetzt, während eine stolze Rita schnell wieder zur Jungfrau Maria umfunktioniert wurde und die Sache mit der Krippe und dem Jesukindlein bravourös zu Ende brachte.

Ich saß vor Schüttelfrost klappernd im Zu­schauerraum und schaute dem Ausgang der Weihnachtsgeschichte zufrieden und erleichtert zu. Zum Schluss konnte ich „Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh, Maria und Josef betrachten es froh“ schon wieder ganz guter Dinge mitsingen.

Das Lampenfieber war besiegt.”

Aus: Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016.

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