Dienstag, 3. Januar 2017

Als ich politisch unkorrekt “Neger” zu einem farbigen Menschen sagte

“Meine Eltern arbeiteten beide in der Stadt und hatten nur am Wochenende und im Urlaub Zeit für mich. Meine ersten fünf Jahre verbrachte ich deshalb bei Oma und Opa in Neckarhausen. Wir wohnten in einem schönen Fachwerkhaus in der Hauptstraße. Über die Wohnung sagte meine Oma, sie sei ein „armseliges Loch“, denn es war nur eine kleine Küche und ein Schlafzimmer mit schrägen Wänden im zweiten Stock. Wir hatten kein Bad und die Toilette war ein Plumpsklo hinter dem Haus. Mir gefiel es gut: Im Schlafzimmer stand mein Gitterbettchen, an der Wand darüber hingen schwarze scherenschnittartige Märchen­figuren aus Plastik, die ich den Wundertüten entnahm, die Oma mir von ihren Einkäufen mit­brachte. Auf dem großen Bett von Oma und Opa lag tagsüber eine Decke, auf der ich saß und mit meinen Sachen spielte.

Eines Tages saß ich auf dem großen Bett und spielte mit meinen Legosteinen. Die Einer und Zweier gefielen mir am besten, weil sie so klein und niedlich waren. Und am liebsten mochte ich die roten. Oma schälte am Küchentisch Kartoffeln. Vom Bett aus konnte ich sie nicht sehen, aber hören. Sie sagte: „Du darfst dir keinen Legostein in die Nase stecken“. „Warum?“, fragte ich. Sie erzählte mir die Geschichte von einem Kind, das sich einen Legostein in die Nase gesteckt hatte und ins Krankenhaus musste, weil der Stein nicht mehr aus der Nase herauskam. Die Geschichte beeindruckte mich sehr. „Und dann?“, wollte ich wissen. „Und dann musste die Nase abgeschnitten werden“, sagte Oma.

Nie in meinem ganzen Leben wäre ich auch nur im Traum auf die Idee gekommen, mir einen Legostein in die Nase zu stecken. Aber nun hatte Oma meine Neugierde geweckt und ich wollte es ausprobieren. Ich suchte mir einen roten Einer und – schwups – steckte er in meinem rechten Nasenloch. Dann versuchte ich ihn mit dem Finger wieder herauszuholen, aber es ging nicht. Ich geriet in Panik und schrie verzweifelt nach Oma. Die kam auch gleich angerast und schimpfte fürchterlich: „Hab ich dir nicht gerade eben gesagt …?“ Ich prustete so fest mit meiner Nase, als würde ich mich in ein Taschentuch schnäuzen und der Einer flog in hohem Bogen wieder aus der Nase heraus. Puuuh, das war noch einmal gutgegangen und die Nase musste gottlob nicht abgeschnitten werden.

Oma brachte mich noch auf viele andere Ideen. Ganz in der Nähe wohnte ein Bub, der zwei Jahre älter war als ich und Uwe hieß. Uwe durfte ab und zu zum Spielen zu mir kommen, er setzte sich neben mich aufs große Ehebett und wir wühlten gemeinsam in meiner Spielschachtel. Eines Tages sagte Oma: „Der Uwe kommt heute zum Spielen. Aber du musst sehr aufpassen, denn er ist gestern hingefallen und hat ein Pflaster auf dem Knie.“ Dieses Knie, schärfte Oma mir ein, dürfe ich auf keinen Fall berühren. Ich dürfe es nicht anfassen, denn das täte Uwe weh.

Uwe kam, wir setzten uns aufs große Bett und sortierten farbige Bauklötze. Ich sah das Pflaster sofort, denn Uwe hatte kurze Hosen an. Wir sortierten und bauten, aber ich war nicht ganz bei der Sache, weil ich immer auf das Knie äugen musste. Es war ein großes Pflaster und ich überlegte, ob es Uwe wirklich weh täte, wenn ich das Knie be­rührte. Er machte eigentlich einen ganz munteren Eindruck und sah gar nicht krank aus. Also pro­bierte ich es einfach aus und tippte mit meinem Zeigefinger energisch auf Uwes Knie. Uwe heulte laut auf und begann zu weinen. Meine Oma riss ihn von mir weg, tröstete ihn und schickte ihn dann nach Hause. Nie mehr, schimpfte Oma, dürfe der Uwe mit mir spielen, weil ich so böse zu ihm gewesen war.

Aber auf die tollste Idee brachte mich mein Opa. Opa sah ich seltener als Oma. Wenn er morgens ganz früh aufstand, um viele Kilometer zu Fuß nach Mannheim zum Arbeiten zu laufen, schlief ich noch. Wenn er spätabends müde zurückkehrte, schlief ich schon. Manchmal hörte ich ihn nachts laut schnarchen. Opa musste auch am Samstag arbeiten. Am Samstag kam er aber schon am Nachmittag nach Hause, wusch sich in der Küche am Spülstein, zog ein frisches Hemd an und legte sich mit einem Wildwestheftchen aufs große Bett. Sein Samstagsvergnügen waren zwei Flaschen Bier, ein Lutscher mit Coca-Cola-Geschmack und ein Wildwestheftchen. Er las, trank ab und zu einen Schluck Bier und der Stiel des Lutschers schaute lang aus seinem Mund heraus. Ich saß neben ihm, spielte und schaute ihm zu. Am Samstagnach­mittag hatte ich meinen Opa ganz für mich alleine.

Aber am Sonntag und wenn er Urlaub hatte, trieb es ihn hinaus. Er war ein unruhiger Mensch, der immer etwas schaffen musste und nicht faulenzen konnte. Er nahm mich überall hin mit. Ich saß in seiner Schubkarre. Eines unserer Ziele war der Neckar, wo er Treibholz sammelte, das er hinterm Haus spaltete und ordentlich aufschichtete. Ein anderes Ziel war die Mülldeponie, eine große Grube, wo Abfall und Sperrmüll hineingeworfen wurde, „Kiesloch“ genannt. Neben dem Kiesloch renovierte ein Mann sein Haus und Opa half ihm dabei, wann immer er Zeit hatte. Eines Tages zog dort eine Familie ein. Ein Vater, eine Mutter und zwei Mädchen und alle vier waren ganz schwarz. Opa nahm mich zur Seite und sprach eindringlich mit mir. Das seien Neger, erklärte er mir, aber ich dürfe zu dem großen, schwarzen Mann niemals Neger sagen, sonst werde der Mann sehr böse. Das Wort Neger hatte ich noch nie in meinem Leben gehört, aber ich merkte es mir gut.

Mein Opa und der große Neger verstanden sich ausgezeichnet und sie unterhielten sich oft miteinander. Opa kannte nämlich aus dem Krieg viele amerikanische Wörter, zum Beispiel konnte er „Ok“ sagen und „Hello“. Ich staunte darüber und bewunderte ihn sehr. Der Neger hatte weiße, blitzende Augen und eines Tages stellte ich mich direkt vor ihm auf, blickte zu seinem Gesicht hinauf und sagte laut und vernehmlich: „Neger“. Ich wusste, dass Opa ganz in der Nähe war und mich beschützen würde, sollte der Neger böse werden und wütend auf mich losgehen. Aber es war alles ganz anders. Nicht der Neger wurde böse, sondern Opa. Er kam auch gleich zornig angerannt und schlug mir mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. Der Neger stand dabei und seine vielen blitzenden, weißen Zähne lachten fröhlich aus seinem schwarzen Negergesicht heraus.”

Opa (links) hilft beim Renovieren eines Hauses beim Kiesloch in Neckarhausen:

Buch: "Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Ein Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche" ... Brigitte Stolle, 2016 - Foto: Opa hilft beim Renovieren eines Hauses beim Kiesloch in Neckarhausen ... Geschichten, Erzählungen, Anekdoten Mannheim und Umgebung, Rhein-Neckar-Kreis, Kurpfalz ... 1960er-JahreAus: Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016.

Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016 ... Krippespiel - Kindergarten - Maria und Josef - Herbergssuche - Weihnachtsgeschichte
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