Samstag, 4. Februar 2017

Opa und ich kochen Neckarkrebs und wühlen im Müll

“Auch wenn mein Opa Urlaub hatte und nicht zur Arbeit musste, hatte er doch immer viel zu tun. Morgens schnappte er sich seinen Schubkarren, setzte mich hinein und wir waren den ganzen Tag unterwegs. Während meine Mutter in Mannheim in ihrem Büro arbeitete, vermutete sie mich im Kindergarten in Neckarhausen. Stattdessen saß ich in Opas Schubkarren, ließ mich herumfahren und mir endlose Geschichten vom Kasperkönig er­zählen, die Opa sich selbst ausgedacht hatte. Ich ging nicht gerne in den Kindergarten. Meine Oma erlaubte mir, zu Hause zu bleiben, nur durfte ich es Mama nicht erzählen. Wir fuhren zum Neckar, wo Opa Holz für den Küchenofen sammelte und in den Schubkarren legte. Wir kraxelten auf den großen Steinen herum, die bis zur Flussmitte reichten. Opa hielt mich gut fest, damit ich nicht ins Wasser stürzte und zeigte mir einen Flusskrebs. Er erzählte, dass er im Krieg Hunde und Krebse gegessen hatte. Wir taten den Neckarkrebs in eine kleine Dose und fuhren ihn mit dem Schubkarren nach Hause. Dort zeigte mir Opa, wie man Krebse kochte, indem man sie in heißes Wasser warf. Der Neckarkrebs verfärbte sich ganz rosarot. Ich wollte ihn aber nicht essen, sondern lieber Grießbrei, den Oma mir gerne kochte und mit geriebener Schokolade verfeinerte.

Als Soldat im Krieg hat Opa (Mitte) oft gefroren und Hunde und Krebse gegessen (Lappland 1944):

Buch: "Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Ein Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche" ... Brigitte Stolle, 2016 - Foto: Opa 1944 als Soldat in Lappland ... Geschichten, Erzählungen, Anekdoten Mannheim und Umgebung, Rhein-Neckar-Kreis, Kurpfalz ... 1960er-JahreGanz oft fuhren wir mit dem Schubkarren auch in die andere Richtung, wo mitten im Feld das Kiesloch lag, eine Mülldeponie, wo altes Zeug abgeladen wurde, das die Leute nicht mehr haben wollten. Mein Opa hatte das Schusterhandwerk gelernt und konnte aus kaputten Schuhen wunder­bare neue Schuhe machen. In seiner Holzkiste in der kleinen Küche gab es Schustermesser, Hämmer, Zangen, Lederscheren und Leisten. Opa erzählte, dass er als Soldat im Krieg sehr gefroren hätte und dankbar für feste Schuhe und warme Pullover gewesen wäre. Aber hier, in Neckar­hausen, würden die Leute ihre guten Sachen einfach ins Kiesloch werfen. Opa stellte seinen Schubkarren an den Rand der Abfallgrube, nahm mich auf seinen Arm und stieg vorsichtig mit mir hin­unter. Dort setzte er mich mitten im Müll auf den Boden und wir begannen mit unserer Suche. Ich fand Puppen ohne Köpfe und ohne Arme und Beine und Bälle ohne Luft. Opa fand Holzteile, kaputte Schuhe, Hosen mit Löchern und fleckige, schmutzige Hemden. Wenn man diese Hose nähe, könne man sie noch gut gebrauchen, meinte Opa. Denn nähen konnte er auch. Und wenn man jenen Pull­over wasche, wäre er wieder wie neu. Opa war ein leidenschaftlicher Sammler. Wir brachten von unseren Kiesloch-Touren wahre Schätze mit nach Hause. Oma schlug die Hände über dem Kopf zusammen und passte uns schon an der Wohnungstür ab. „Das Kind hat schon genug Spielsachen“, sagte sie und wir mussten jedes einzelne Teil vorzeigen und Oma entschied, ob wir damit in die Wohnung hineindurften. Opa setzte sich auf seine Holztruhe und schusterte für meine Oma aus beschädigten Resten und brüchigen Teilen ein Paar Schuhe zusammen, mit dem sie in der kleinen Küche auf und ab trippelte und sich beschwerte: „Das drückt“. Opa erklärte mir, das behaupte Oma nur, um ihn zu ärgern und arbeitete unverdrossen weiter. Er hatte einen blauen Kinderpullover mit Brandlöchern gefunden. Opa wusch ihn sorgfältig, weil er stank, und flickte die Löcher an Brust und Ärmeln. Dann zog er ihn mir an und betrachtete mich zufrieden. „Na siehst du“, meinte er, „der ist doch noch gut“. Das fand Mama nicht. Mama ging nach der Arbeit gerne in der Stadt einkaufen und suchte nach Kleidern und Schuhen für sich und mich. Sie wählte sorgfältig und mit viel Geschmack Sachen aus, die sie „adrett“ nannte und gab ihr sauer verdientes Geld gerne dafür aus. Als sie mich in dem blauen Kiesloch-Pullover sah, schrie sie entsetzt auf und riss mir den Pullover vom Körper. „Meinem Kind“, sagte sie wütend zu ihrem Vater, „ziehst du keine Müll-Klamotten an!“ Sie verbot es ihm streng und „ein für alle Mal“. Ich konnte Opa ansehen, dass er sehr enttäuscht und traurig da­rüber war.

Statt in den Kindergarten, für den Mama Geld bezahlen musste, fuhren wir weiter heimlich mit dem Schubkarren zum Neckar und ins Kiesloch. Ich saß im Karren, Opa schob und erzählte wilde Geschichten vom Kasperkönig. Wir schauten nach Treibholz, nach Krebsen und Fischen. Im Kiesloch spielte ich mit den Negerkindern im Müll und Opa stellte mir eine bunt gemischte Garderobe zusammen. Es ging mir gut.

Nur am Wochenende, kurz bevor Mama und Papa mich abholten und mit nach Edingen in ihre Wohnung nahmen, wurde ich gründlich ge­waschen und in ein adrettes Kleidchen gesteckt. Beim Abschied gab Opa mir einen Kuss und flüsterte: „Bis Sonntagabend. Und nichts der Mama verraten!“

Mama und ich in „adretten“ Sommerkleidern (22. August 1960):

Buch: "Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Ein Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche" ... Brigitte Stolle, 2016 - Foto: Mama und ich in "adretten" Sommerkleidern ... Geschichten, Erzählungen, Anekdoten Mannheim und Umgebung, Rhein-Neckar-Kreis, Kurpfalz ... 1960er-JahreWeitere Geschichten:
Als ich politisch unkorrekt “Neger” zu einem farbigen Menschen sagte

Aus: Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016.

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