Montag, 10. April 2017

Als ich bei der Predigt an Gabis Blinddarm dachte und wie ein Sack umfiel

“Frau Dr. L, die Hausärztin, beruhigte meine Mutter: „Kinder, die so schnell in die Höhe schießen, haben oft einen labilen Kreislauf.“ Das sei nicht weiter schlimm und es würde sich mit der Zeit wieder geben. Grund für die Besorgnis war ein Ohnmachtsanfall, der mich im Alter von 7 Jahren ganz überraschend ereilt hatte. Und das kam so: Ich saß in der Küche auf der Eckbank und malte gerade ein schönes, buntes Bild zum 1. Geburtstag meines Bruders. Meine Mutter bügelte Herrenoberhemden und erzählte mir dabei vom Elternabend in der Pestalozzi-Schule, der am Abend zuvor stattgefunden hatte. Herr S, der Klassenlehrer, hatte mit den Eltern den geplanten Schulausflug im Frühjahr besprochen und die Mitnahme von Spazier- und Wanderstöcken strengstens untersagt. Warum das? Meine Mutter rückte mit der schrecklichen Geschichte nur ungern heraus, da sie ihr selbst heftig auf der Seele brannte: Bei einem Schulausflug vor einem Jahr war etwas ganz Schlimmes passiert. Ein Kind hatte einem anderen beim Toben mit dem Spazierstock ein Auge aus­gestochen.

Das war starker Tobak für meine Kinderseele und meine Mutter hatte ebenfalls schwer an der grauseligen Vorstellung zu knabbern. Sie bügelte schweigend weiter, ich malte schweigend weiter; beide waren wir in unsere Gedanken versunken. Während sie die glückliche Gabe besaß, schlimme Fantasien nach einer gewissen Zeit wieder fortzuwischen, indem sie sich einfach zwang, an etwas anderes zu denken, besaß ich diese Gabe noch nicht. Ich dachte und dachte und dachte … an das Auge. Ich malte es mir aus. Fantasie ist etwas Schönes, wenn man sie nicht gegen sich selbst verwendet. Aber genau das tat ich: Ich stellte mir Blut vor, ein ausgelaufenes Auge, die leere Augen­höhle, gellende Schmerzensschreie … Ich konnte nicht mehr aufhören, daran zu denken. Beim Denken und Malen merkte ich gleich, dass mir die deutlichen Bilder, die mein Gehirn produzierten, nicht gut taten. Ich malte hartnäckig weiter, aber die Farben verschwammen mir vor den Augen, wurden erst bräunlich, dann grau und nebelig.

Unter dem Küchentisch kam ich wieder zu mir.

Meine Mutter hatte sich furchtbar erschreckt. Beim Fallen hatte ich mir das Kinn blau angestoßen und den kleinen Finger verstaucht. Blass wie weißer Käse lag ich auf dem Sofa, als die Hausärztin eintraf. Sonst war alles in Ordnung und ich erholte mich schnell, vermied es nun aber sorgfältig, an das blutverschmierte, ausgelaufene Auge zu denken. Ich hatte gelernt, dass dieses Auge mir sehr schlecht bekam.

Als ich ein Bild für den 1. Geburtstag meines Bruders malte, wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben ohnmächtig:

Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016 ... Als ich bei der Predigt an Gabis Blindarm dachte und wie ein Sack umfiel

Die nächste Ohnmacht passierte ein Jahr später. In der Schule machte eine dramatische Kunde den Umlauf: Meine Schulfreundin Gabi war mit einer gefährlichen Blinddarmentzündung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Es war die erste Operation, die mir überhaupt in meinem Leben zu Ohren kam und ich war entsprechend erschreckt und schockiert. Zwei Wochen später war Gabi der Star in der Klasse, nur beim Turnen durfte sie nicht mitmachen. „Weil dabei“, sagte sie, „die Operationsnarbe wieder aufplatzen kann.“ Dieser Satz fuhr mir sofort in den Magen, mir wurde schwach und ich musste mich hinsetzen und dachte geschwind an etwas anderes.

Am kommenden Sonntag saß ich wie jeden Sonntag in der Bruder-Klaus-Kirche ganz vorne in der Reihe der Mädchen. Während Pfarrer K oben predigte und predigte und gar nicht mehr damit aufhören wollte, war mir sooo langweilig zumute, dass ich begann, mir eigene Gedanken zu machen. Ob ich es wollte oder nicht: Meine Gedanken eilten sofort zu Gabis Blinddarm und klammerten sich daran fest. Gabi hatte allen, die es sehen wollten, ihre Blinddarmnarbe gezeigt und – igitt – ich hatte sie auch gesehen! Schreckliches hatte sie von der Operation berichtet: Als der Arzt sie betäubt hatte, hätte sie ihn kurz vor dem Einschlafen noch mit einem riesengroßen Messer auf sich zu­kommen sehen. Mir wurde ganz flau.

Als ich wieder zu mir kam, saß die Kinder­gartenschwester Maria Lena neben mir und hielt meine Hand. Sie war lieb zu mir und streichelte mich. Das war ein schönes Gefühl. Aber mir tat alles weh. Hinterher erzählte man mir, wie ich plötzlich nach vorne gesunken und mit dem Kopf auf die Kirchenbank aufgeschlagen war, wie die Mädchen neben mir schrill aufgeschrien hatten, wie ich mich wieder halb aufgerichtet und dann mit lautem Krachen erneut mit der Stirn auf das Holz gedonnert war. Dann war ich plötzlich verschwunden und bewusstlos zwischen Sitz und Kniebänkchen abgetaucht, von wo mich zwei herbeigeeilte Männer wieder hochgezerrt und auf die Bank gesetzt hatten. Zwei Mädchen neben mir schluchzten noch eine ganze Weile weiter. Ich war die Sensation des sonntäglichen Gottesdienstes.

Blass und zitternd ging ich nach dem Kirch­besuch nach Hause und ahnte, dass nun auch die Gedanken an Gabis Blinddarm ein für allemal für mich tabu sein mussten. Als meine Mutter mich sah, sagte sie unwirsch: „Wie siehst du denn schon wieder aus? Du bist ja ganz weiß und verstrubbelt. Bestimmt willst du jetzt meinen Sauerbraten nicht essen.“

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Aus: Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten
Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. 
Brigitte Stolle 2016.

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