Sonntag, 23. April 2017

Warum Pfarrer K mir das Kommunionskränzchen vom Kopf riss

“Die Erste Heilige Kommunion ist eine aufregende Sache. Zuerst die lange Vorbereitungszeit in Form des Kommunionunterrichts, das Auswendiglernen von Gebeten und Sprüchen, das Probe-Beichten, die Instruktionen und Anleitungen. Dann die Großeinkäufe … alles soll wunderschön und perfekt sein für den Weißen Sonntag.

Was da alles angeschafft werden musste für diesen 21. April 1968: Das weiße Kommunionkleid, weiße Unterwäsche und unbedingt noch ein weißes Leibchen, sollte das Wetter am Weißen Sonntag allzu kühl ausfallen. Das weiße Haarreifchen, weiße Strumpfhosen, weiße Kniestrümpfe, weiße Lederschuhe. Ein zierliches weißes Beutelchen, worin ein Spitzentaschentuch und ein Rosenkranz in einem weißen Rosenkranztäschchen aufbewahrt werden. Eine Kommunionkerze inklusive weißem Kerzenröckchen und Tropfenfänger, ein Gebetbuch in weißer Gebetbuchhülle …

Ich war 9 Jahre alt und hatte, wie meine Mutter es ausdrückte: Babyspeck. Wir fuhren zum Ein­kaufen in die Stadt und klapperten sämtliche Kaufhäuser ab. Mama war unzufrieden mit den Kommunionkleidern und vor allem mit meinem Aus­sehen in ihnen. Sie machte alle Verkäuferinnen auf meinen Babyspeck aufmerksam, was mich peinlich berührte. Im ersten Kaufhaus probierten wir mehrere weiße Kleider. Ich stand in der Umkleide­kabine, meine Mutter rannte hin und her, um mit der Verkäuferin neue Kleider heranzuschaffen, der Vorhang der Kabine war offen, die Verkäuferin guckte beim An- und Ausziehen zu, gab Kommentare ab und meine Mutter zeigte der Verkäuferin mit ihrem Zeigefinger meinen Bauch und sagte: „Nein, das Kleid passt nicht wegen dem Babyspeck.“ Ein Kleid fiel sogar so eng aus, dass Mama meinte, nein, das ginge gar nicht, ich sähe ja darin aus wie ein eingeschnürter Schweinerollbraten. Im nächsten Kaufhaus ging es gerade so weiter: Die Verkäuferin wurde gleich über den Babyspeck informiert und wir probierten an. Dieses Mal fand meine Mutter, ich sähe aus wie eine unförmige Wurst. Dass wir überhaupt noch ein Kommunionkleid fanden, war ein unfassbares Wunder.

Pfarrer K hatte sich für den Festtagsgottesdienst in der Edinger Bruder-Klaus-Kirche eine komplizierte Choreographie ausgedacht, die wir Kommunionkinder wochenlang einüben mussten. Links vorne saßen in zwei Bankreihen die Mädchen, rechts vorne die Buben. Nun musste das erste Mädchen und der erste Junge in der Reihe aufstehen, in den Mittelgang treten, beide gesellten sich als Paar zusammen, es kamen das zweite Mädchen und der zweite Junge dazu usw. und alle zusammen bewegten sich in feierlichem Gänsemarsch zum Altar hinauf, wo sich Mädchen und Junge kurz vor dem Altar wieder trennten und jeweils nach links und rechts weitergingen, bis sich ein Halbkreis vor dem Altar gebildet hatte. Das Ganze noch nach Körpergröße gereiht und fein geordnet. Pfarrer K selbst wollte dann feierlich von hinten heranschreiten, den Halbkreis genau in der Mitte durchbrechen und sich zum Altar begeben, um dort seine heiligen Handlungen zu vollführen.

Bei den Proben klappte es sehr gut. Wir gingen nach oben, der Pfarrer kam, ich stand genau in der Mitte, wo er den Kreis durchstoßen wollte, trat einen Schritt nach hinten eine Stufe hinunter, damit er Platz zum Durchkommen hatte. Ganz wunderbar klappte das sogar.

Erste Heilige Kommunion Edingen 1968:

Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016 ... Warum Pfarrer K mir das Kommunionskränzchen vom Kopf riss_Erste Heilige Kommunion Edingen 1968Am Weißen Sonntag kam aber alles ganz anders. Da hatte Pfarrer K wohl nicht so genau überlegt: Wir hatten ja Kommunionkleider an, in der rechten Hand eine Kerze, ein Handtäschchen, ein Haarkränzchen … die Kommunionkinder waren aufgeregt und der Pfarrer genauso.

Die Prozession nach oben gelang perfekt. Wir standen um den Altar herum und hörten den Pfarrer raschelnd von hinten heranschreiten. Ich machte meinen eingeübten Schritt nach rückwärts eine Stufe hinunter, damit er durch den Halbkreis hindurchkäme …

Da rempelte mich Pfarrer K mit der vollen Wucht seines Körpers derb an. Ich geriet aus dem Gleichgewicht, klammerte mich an meine Kerze und versuchte, auszuweichen. Aber ach, er riss mir beim Zusammenstoß mein Kommunionkränzchen vom Kopf und es hing nun, nachdem die Haarklammern, mit denen meine Mutter es befestigt hatte, in alle Richtungen davongesprungen waren, wie eine dunkle Brille genau vor meinen Augen und wurde nur noch von den Ohren festgehalten.

Ich konnte nichts mehr sehen.

Zwar versuchte ich, meiner Nachbarin Brunhilde die Kerze in die Hand zu drücken, damit ich das Kränzchen wieder richten konnte, aber sie wollte die Kerze nicht nehmen, das gehörte für sie irgend­wie nicht zu der einstudierten Choreographie dazu. Also hielt ich die Kerze in der rechten Hand und schob mit der linken den Haarschmuck immer wieder von den Augen zum Kopf hin, wo er aber nicht bleiben wollte. Während der gesamten feierlichen Handlungen am Altar kämpfte ich einen verzweifelten und aussichtslosen Kampf.

Den Weg hinunter vom Altar zu den Kirchenbänken musste ich blind zurücklegen. Meine Mutter stand auf, kam uns entgegen, hielt die Prozession an, kämmte mich in der Kirche vor allen Leuten und setzte das Kränzchen wieder auf seinen Platz.

Das war kein schöner Weißer Sonntag, das Ganze war mir sehr peinlich, ich weinte und hatte eine Riesenwut auf Pfarrer K. Schön war dann aber der Nachmittag, die Gäste, die Geschenke und die vielen Torten. Mama hatte 10 Kuchen gebacken und noch 5 dazugekauft. Dauernd klingelten Bekannte und es kamen Nachbarn aus der Albert-Schweitzer-Straße, brachten als Kommunionsgeschenk ein Buch oder eine Haartrockenhaube, Umschläge mit kleinen Geldbeträgen, Sammeltassen … und bekamen dafür eines der vorbereiteten großen Kuchenpakete. Und ich bekam beim Austragen von Kommunionsgeschenken in der Nachbarschaft zusätzlich zu unserem eigenen Kuchen noch viele fremde Kuchenpakete mit. So viele verschiedene Kuchen auf einem Haufen hatte ich noch nie gesehen, unsere Küche sah aus wie eine Konditorei. Mama sagte: „Hör auf, so viel Kuchen zu essen, sonst passt dir das Kommunionkleid bald nicht mehr. Du siehst damit ja jetzt schon aus wie ein Schwartenmagen.”

Weitere Geschichten:
Als ich politisch unkorrekt “Neger” zu einem farbigen Menschen sagte
Opa und ich kochen Neckarkrebs und wühlen im Müll
Als ich bei der Predigt an Gabis Blinddarm dachte und wie ein Sack umfiel

Aus: Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten
Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. 
Brigitte Stolle 2016.

Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016 ... Warum Pfarrer K mir das Kommunionskränzchen vom Kopf riss_Erste Heilige Kommunion Edingen 1968

 Klick zu Amazon