Samstag, 29. April 2017

Wo ist Prof. Dr. Brinkmann?

Lange habe ich hin- und herüberlegt, ob ich meinen “Offenen Brief” an die Notaufnahme des Mannheimer Diakonissenkrankenhauses vom 21. April 2017 auf meiner Homepage veröffentlichen soll. Passt dieser starke Tobak überhaupt auf meine Autorinnenseite mit den farbenfrohen botanischen, literarischen, kulinarischen und regionalen Einträgen? Werde ich meine treuen Leser und Leserinnen erschrecken und vergraulen? - Seit gestern liegt mir nun eine Rückantwort des Chefarztes der Klinik für Neurologie am Diakonissenkrankenhaus vor. Ich finde diese Stellungnahme im Großen und Ganzen recht positiv und habe mich daher für eine Veröffentlichung entschieden. Aber lesen Sie selbst …

Offener Brief an die Notaufnahme des Diakonissenkrankenhauses Mannheim ... Neurologie ... Kritik, Erfahrungsbericht, Stellungnahme ... Gehirntumor, Gehirnmetastase ... Fotos: Brigitte Stolle, Mannheim
Von der Schwierigkeit, in der Not Hilfe zu finden
oder: Wo ist Prof. Dr. Brinkmann?

Sehr geehrte Damen und Herren,

in seinem Leitbild bezeichnet sich das Diakonissenkrankenhaus selbst als „soziales Unternehmen“ mit „christlichen Wertvorstellungen“. „Wir sehen den Menschen umfassend“ heißt es da.

Ich habe andere Erfahrungen gemacht: Ich war in Not und konnte in der Notaufnahme des Diakonissenkrankenhauses keine oder doch nur sehr wenig Hilfe finden.

Die Vorgeschichte ist ein Mamma-Carcinom, das 2014 diagnostiziert worden. In der Folge wurde ich mit Chemotherapie und Bestrahlungen therapiert. Dazwischen lag eine Brust-OP im Diakonissenkrankenhaus.

Anfang 2017 kam es zu weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die sich rasch dramatisierten: Kopfschmerzen, Schwindel, Krämpfe, Gangabweichungen, Doppelbilder. Hausärztin und Onkologe überwiesen an neurologische Fachärzte. Trotz telefonischer Hinweise auf die Dringlichkeit: Wartezeit 1 bis 2 Monate.

Im Februar waren die Kopfschmerzen unerträglich, ich konnte nicht mehr alleine laufen und versuchte, mich mit Schmerzmitteln bis zum Neurologentermin über Wasser zu halten.

Ein Fall für die Notaufnahme? Am 14. Februar schrieb mir die Hausärztin eine Einweisung ins Diakonissenkrankenhaus Mannheim aus.

Mein Mann fuhr mich gleich hin, stützte mich bis zum Wartebereich der Notaufnahme und schließlich bis zur Tür der Notaufnahme selbst, hinter der ich dann für rund 3 Stunden verschwand. Mir wurde eine Liege zugewiesen, der Blutdruck wurde gemessen: Hypertensive Entgleisung 200/130. „Wir können ja nicht jeden stationär aufnehmen, der aus Angst vor weißen Kitteln einen hohen Blutdruck bekommt“, sagte die diensthabende Ärztin. Mein Hinweis, dass ich aus neurologischen und nicht aus kardiologischen Gründen hier sei, wurde nicht besonders ernst genommen. Immerhin wollte mich ein Neurologe untersuchen, hatte dann aber keine Zeit und schickte eine junge Kollegin. Übliche Vorgehensweise: „Folgen Sie mit den Augen meinem Finger“, Klopfen mit dem Hämmerchen ans Knie, Aufforderung zu torkeligen Gehversuchen …

Meine Ängste, einen Gehirntumor zu haben, wurden lächelnd beiseitegeschoben. Das glaube sie nicht, meinte die Neurologin. Trotz meiner Krebs-Vorgeschichte, bei der eigentlich sofort alle Alarmglocken heftig klingeln müssten, wurde nach einfachen Lösungen gesucht: Ich sei eben eine ängstliche Persönlichkeit und habe deshalb auch Angst vor einem Tumor sowie Angst, beim Gehen zu fallen. Und ob ich es wegen der Krämpfe in Füßen, Waden, Oberschenkel und Rücken schon mal mit Magnesium probiert hätte? (Hausmittelchen, die bereits meine Oma empfehlen konnte.)

Zwar wurde im Rahmen der Anamnese brav notiert: „Patientin habe Angst, Gehirntumor zu haben“, nach der Normalisierung meines Blutdrucks wurde ich jedoch ohne weitere Hilfe wieder in die Freiheit entlassen … einfach nach Hause geschickt. Zum Glück wurde mir noch ein ambulanter Termin für eine cMRT am 24. Februar mitgegeben, also ganze 10 Tage später. Und dies auch nur, weil meine Hausärztin, wie ich erst später erfuhr, telefonisch vehement auf eine solche Untersuchung bestanden hatte. Das Diakonissenkrankenhaus selbst hätte mich wohl in dieser Sache völlig im Stich gelassen.

Ich wurde also nach Hause geschickt, musste mich ohne Hilfestellung unsicher an den Wänden zum Ausgang aus der Notaufnahme tasten, ohne diesen Ausgang in meiner Benommenheit finden zu können. Erst als ich mich in meiner Verwirrung an eine Krankenschwester wandte, bekam ich einen Arm zur Stütze geboten und fand endlich meinen verzweifelten Mann wieder, der stundenlang keinerlei Informationen über das Prozedere in der Notaufnahme erhalten hatte.

Insgesamt fand ich die dortige Behandlung menschenverachtend. Meine Schwägerin, selbst Ärztin, weiß von mürrischen und aggressiven Patienten und Angehörigen zu berichten, die den Ärzten der Notaufnahme das Leben extrem schwer machten, von Patienten, die wegen geringfügiger „Wehwehchen“ die Notaufnahme aufsuchten anstatt zuerst zu ihrem Hausarzt zu gehen. Ja, das mag sein. Dennoch hätte ich Ärzten und Ärztinnen differenziertere Beurteilungen ihrer Patienten zugetraut und fand es ungeheuerlich, dass hier Menschen wie lästige Störfaktoren über einen Kamm geschoren und abgearbeitet wurden, zumal ich zu keiner Zeit auch nur annähernd fordernd oder gar aggressiv aufgetreten bin.

Zehn Tage Warten auf eine weiterführende Untersuchung (laut der anwesenden Neurologin „dürfe“ man angeblich keine Patienten aus der Notaufnahme einfach so zum cMRT schicken) sind eine grausam lange Zeit, wenn man in der Wohnung gefangen ist, weil man es die zwei Stockwerke ohne Fahrstuhl nicht mehr ins Freie hinunterschafft, wenn man sich vom Sofa zur Toilette nur von einem Stuhl zum nächsten entlanghangeln kann, wenn die Beschwerden und Ausfälle immer größer werden – und die Angst sowieso.

Am 24. Februar brachte mich mein Mann irgendwie zur Praxis für Radiologische Diagnostik ins Diakonissenkrankenhaus Mannheim. Die MRT-Untersuchung ergab eine Metastase im Kleinhirn. Meine Beschwerden und neurologischen Ausfälle passten genau zu dieser Raumforderung im Gehirn. Der Arzt, der mir das Untersuchungsergebnis mitteilte, meinte, man hätte mich vor 10 Tagen nicht nach Hause schicken dürfen und begleitete mich in die Notaufnahme, wo ich erneut längere Zeit auf einer Liege verbrachte. Anderes Personal, zielgerichteteres Vorgehen, plötzlich doch so etwas wie menschliche Zuwendung und Bemühungen. Ich wurde stationär in der neurologischen Abteilung aufgenommen, wo man mir nach weiteren Untersuchungen mitteilte, dass man an dieser Stelle im Kleinhirn nicht operieren, sondern nur mit Bestrahlung und Chemotherapie therapieren könne. Man wolle mich jedoch an das Mannheimer Universitätsklinikum weiterreichen.

Bereits am kommenden Montag, dem 27. Februar, wurde von den dortigen Neurochirurgen (in meinem Fall von einer Neurochirurgin) die Resektion des etwa rosenkohlgroßen Tumors vorgenommen. Es folgten 3 Wochen stationärer Aufenthalt in der Neurochirurgie und 2 Wochen stationäre Bestrahlung in der Klinik für Radioonkologie (1 Gamma-Knife-Bestrahlung, 10 Ganzkopf-Bestrahlungen). Eine Chemo- und Antikörpertherapie werden sich anschließen.

Ich bin immer noch stark beeinträchtigt und nur mit Rollator ein wenig mobil. Mein rechtes Bein knickt von Zeit zu Zeit einfach weg und der rechte Arm ist nur sehr grobmotorisch zu gebrauchen. Kopfschmerzen, Haarausfall, Artikulationsschwierigkeiten, extreme Schluckbeschwerden, Übelkeit, kognitive Einschränkungen und bleierne Müdigkeit sind der OP und den Kopf-Bestrahlungen geschuldet. Was wird die Chemotherapie bringen? Ich müsse in Monaten, nicht in Wochen denken, gaben mir die Neurochirurgen des Mannheimer Klinikums mit auf den Weg.

Seit meiner Brustkrebs-Diagnose 2014 habe ich nun die 17. Operation hinter mich gebracht, viele ärztliche Fehlentscheidungen und Unzulänglichkeiten, Sturheit, Arroganz und Unflexibilität erlebt und insgesamt meine zuvor noch einigermaßen positive Einstellung Ärzten gegenüber stark revidieren müssen.

Das Allerschlimmste habe ich allerdings am 14. Februar in der Notaufnahme des Diakonissenkrankenhauses Mannheim erlebt.

Würden meine jetzigen Beschwerden durch rascheres Eingreifen deutlich geringer ausfallen? Ich glaube nicht. Hätte sich die schlechte Prognose und Überlebenschance bei Gehirn-Metastase durch schnellere Hilfe verbessern lassen? Wohl kaum. Dennoch bleiben eine ganze Reihe schlimmer Gefühle zurück: das Gefühl von Enttäuschung und Resignation, das Gefühl von Nicht-ernst-genommen-Werden, von Nicht-geholfen-Kriegen in der Not, das Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Und das alles bei einem Krankenhaus, das christliche Werte und einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen in sein Leitbild aufgenommen hat. Ich bin nicht religiös, hätte aber gerade vom Diakonissenkrankenhaus eine menschenwürdigere Behandlung, mehr Sensibilität und weniger arroganten Stumpfsinn erwartet.

Sehr interessieren würde mich, durch welche Maßnahmen das Diakonissenkrankenhaus die Wiederholung solcher Missstände und Fehler zukünftig verhindern könnte, wie die Organisation der Notaufnahme zu verbessern sei und ob Ärzte und Ärztinnen nicht nur durch fachliche Weiterbildung, sondern auch im menschlicheren Umgang mit Patienten geschult werden sollten.

Für eine Antwort wäre ich dankbar.

Mit freundlichen Grüßen …

Wie gesagt, liegt mir nun eine Antwort des Krankenhauses vor. Anders als befürchtet, wurden die von mir gemachten Erfahrungen nicht auf die leichte Schulter genommen. Eine Mitpatientin hatte geargwöhnt, man würde wahrscheinlich nach dem Motto “Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus” vorgehen. Wenn der Inhalt des Schreibens jedoch halbwegs ernst gemeint ist und tatsächlich Diskussionen stattgefunden haben, habe ich mit meiner “Rückmeldung” nichts falsch gemacht. Abschnitt 3 des Schreibens (von mir in Rot markiert) verspricht zumindest für ähnlich gelagerte Fälle ein wenig Hoffnung!

Offener Brief an die Notaufnahme des Diakonissenkrankenhauses Mannheim ... Neurologie ... Kritik, Erfahrungsbericht, Stellungnahme ... Gehirntumor, Gehirnmetastase ... Fotos: Brigitte Stolle, Mannheim
Antwortschreiben des Chefarztes für Neurologie am

Diakonissenkrankenhaus Mannheim vom 25. April 2017:

… Ihre E-Mail vom 21.04.2017 berührt mich zutiefst, und ich kann Ihren Groll und Ärger sehr gut nachvollziehen.

Gut kann ich mich noch an den 24.02.2017 erinnern, als Sie nach ambulanter Kernspintomographie des Kopfes in unsere Neurologische Klinik kamen. Nachdem mir bekannt wurde, dass Sie bereits 10 Tage zuvor aufgrund Ihrer geschilderten Beschwerden in unserer Notaufnahme waren, haben wir dies zum Anlass für eine interne Diskussion der Notaufnahmeabläufe genommen. Aufgrund Ihrer Vorerkrankung wäre am 14.02.2017 eine Bildgebung des Kopfes sinnvoll gewesen, am besten in Form einer Kernspintomographie. Aufgrund fehlender neurologischer Ausfallsymptome wurde dies den niedergelassenen Kollegen empfohlen. Eine Kernspintomographie war am damaligen Tag leider nicht möglich, allerdings hätte durchaus auch eine Computertomographie des Kopfes in der Notaufnahmesituation Sinn ergeben. Möglicherweise hätte man bereits in dieser Bildgebung trotz der deutlich geringeren Auflösung eine Schwellung im rechten Kleinhirn erkannt.

In unserer Falldiskussion haben wir festgelegt, dass bei zukünftigen Patienten in der Notaufnahme mit Beschwerden Ihrer Art und der Vorgeschichte einer Tumorerkrankung unbedingt eine Bildgebung des Kopfes stattfinden muss.

Ihre Erfahrung mit sehr unfreundlichem Personal in der Notaufnahme bedauere ich sehr. Wie Sie sicherlich gemerkt haben, schafft die extreme räumliche Enge unserer Notaufnahme zusätzliche Probleme, die leider auch am Personal nicht spurlos vorübergehen. Dass ein guter Ton und ein empathisches Verhalten unumgänglich für eine optimale medizinische Betreuung von Patienten sind, lege ich den Mitarbeitern meiner Klinik immer wieder nahe. Dieses empathische Verhalten hatten Sie zumindest am 14.02.2017 nicht erlebt, was mir sehr leid tut. Diese Wertvorstellungen sollten nicht nur in einem christlichen Krankenhaus, sondern generell in jeder Klinik als oberstes Prinzip gelebt werden. Ich wünschte mir, dass Sie zumindest am 24.02.2017 mit mehr Empathie behandelt wurden.

Intern hatten wir das Verhalten einzelner Mitarbeiter und unsere Wertvorstellungen insgesamt sowohl in Stationsbesprechungen als auch in der Chefarztsitzung mit der Geschäftsführung unseres Hauses diskutiert.

Natürlich haben christliche Wertvorstellungen in unserem Haus oberste Priorität. Patienten stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit. Ihre Erfahrungen zeigen uns, dass wir an diesem Ziel und an diesem Selbstverständnis auch zukünftig unerlässlich weiter und hart arbeiten müssen.

Ich bedanke mich nochmals ganz herzlich für Ihre Rückmeldung und wünsche Ihnen trotz Ihrer schweren Erkrankung viel Mut und Zuversicht.

Mit freundlichen Grüßen …

  1. Margit

    Samstag, April 29, 2017 - 14:50:23

    ! Hoffentlich lesen das recht viele und machen ebenfalls schriftliche Eingaben bei ähnlichen Erfahrungen! Nur so ändert sich hoffentlich etwas.Die Kliniken können sich nicht immer mit Überlastung rausreden,schliesslich sind es Dienstleister im Auftrag menschlicher Gesundheit.
    Sehr erfreulich,dass Du überhaupt Antwort erhalten hast.LG Margit

  2. Tanja

    Montag, Mai 1, 2017 - 09:30:40

    Eine unglaubliche Geschichte!!! Ich fühle mich bestätigt, dass ich die letzten 23 Jahre bei keinem Arzt gewesen bin, ausser beim Zahnarzt. Auch in Zukunft werde ich weiterhin Ärzte meiden, sofern mir dies möglich ist. Das Vertrauen in Ärzte habe ich schon lange verloren. Ein sehr unfassendes Thema bei dem auch die Pharmaindustrie eine entscheidende Rolle spielt…

  3. Katharina Denig

    Dienstag, Mai 2, 2017 - 20:47:07

    Liebe Brigitte,
    Das hat mich so tief berührt, sowas darf nie passieren, und leider tut es das zu oft! Aber die positive Reaktion macht wieder Hoffnung zum Besseren! Auch dir wünsche ich von ganzem HERZEN dass es wieder aufwärts geht! Lass uns doch auch bald wieder treffen, sag mir per mail, wann es geht.Es würde mich freuen.
    Liebe Grüße
    Katharina

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