Mittwoch, 17. Mai 2017

Brunhilde beichtet, dass sie aufs Klo muss

“Auch nach der Ersten Heiligen Kommunion mussten wir weiterhin regelmäßig zur Beichte gehen. Pfarrer K hatte „alle 4 Wochen“ angeordnet. Die Termine dazu fand man im Kirchenblättl; sie änderten sich nie: „Beicht zur vollen Stunde“ stand da – und es war immer am Samstagnachmittag. Meist zog ich so gegen 13.30 Uhr von zu Hause los. Ich ging nie alleine zum Beichten in die Bruder-Klaus-Kirche, sondern mit den beiden Nachbarsmädchen Brunhilde und Barbara. Wir setzten uns nebeneinander auf eine Bank vor dem Beichtstuhl und warteten auf Pfarrer K. Das Sakrament der Buße war ein genau einstudierter und fleißig auswendig gelernter Vorgang: Zuerst musste man ganz still dasitzen und sein Gewissen erforschen. Als Gedächtnisstütze half der „Beichtspiegel“, der ganz vorne im Gebetbuch steht. Im Kommunionsunterricht hatten wir ihn auswendig gelernt. Pfarrer K wollte, dass wir zu jedem einzelnen Punkt zuerst die Zahl und die Überschrift sagten und dann eine dazu passende Sünde. Also: 1. Leben mit Gott – 2. Heilige Namen und Dinge – 3. Sonn- und Feiertage – 4. Eltern und Vorgesetzte – 5. Nächstenliebe – 6. Schamhaftigkeit und Keuschheit – 7. Eigentum – 8. Wahrhaftigkeit und Ehre …

Zu „6. Schamhaftigkeit und Keuschheit“ sagte Pfarrer K, sollten wir nur die Zahl und die Überschrift sagen, dann eine kleine Pause machen und anschließend gleich zu „7. Eigentum“ übergehen, denn zu „Schamhaftigkeit und Keuschheit“ hätten wir noch nichts zu beichten. Genau so machten wir das und eigentlich beichteten wir immer das Gleiche oder ganz Ähnliches. Man konnte sein Ge­wissen noch so sorgfältig erforschen, es blieb doch meist bei: „Ich habe heilige Namen und Dinge ehrfurchtslos ausgesprochen.“„Ich hatte keine Lust, sonntags zur Heiligen Messe zu gehen.“„Ich war frech und patzig zu meiner Oma.“„Ich habe meine Hausaufgaben schnell und widerwillig hingeschmiert.“„Ich habe mit Brunhilde im Hof Klicker gespielt, verloren, aber behauptet, ich hätte gewonnen, ihr den Klicker geklaut und mich damit schnell davongemacht.“

An Letzteres erinnerte mich Brunhilde beim Warten vor dem Beichtstuhl: „Du musst auch das mit dem Klicker beichten“, flüsterte sie schadenfroh. Denn natürlich tauschten wir uns gegenseitig aus. Wir überlegten gemeinsam, ob Horoskope lesen zu „Aberglaube“ gehörte und ob das eine schwere oder eine lässliche Sünde sei. Und hatte man „andere zur Sünde verführt“, wenn man ihnen ihr Horoskop vorgelesen hatte? Wir konnten uns nicht recht einigen. Brunhilde wollte beichten, dass sie nicht andächtig genug gebetet hatte und Barbara war streitsüchtig mit ihrer Schwester gewesen. Oh, gute Idee – das wollte ich auch nehmen. Da ich keine Schwester hatte, war ich eben streitsüchtig mit meinem Bruder gewesen. Außerdem hatte ich ein Stück Obstkuchen mit Sahne unmäßig und gierig hinuntergeschlungen.

Erst wenn das Gewissen sorgfältig erforscht war, man sich gesammelt hatte, echte Reue empfand und ein kleines Gebet gesprochen war, durfte man mit einem „Gelobt sei Jesus Christus“ zu Pfarrer K in den Beichtstuhl eintreten. Der Pfarrer antwortete: „In Ewigkeit, amen“. Man kniete sich hin und begann mit: „In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden. Meine letzte Beichte war vor 4 Wochen.“ Und dann ging’s los mit den Sünden: „1. Leben mit Gott – 2. Heilige Namen und Dinge …“

In der Kirche war es an Samstagnachmittagen ganz still. Die anderen, die vor dem Beichtstuhl warteten, konnten gut mithören, was drinnen gebeichtet wurde. Auf diese Weise bekam man noch die eine oder andere Anregung mit dazu. Ich hörte zum Beispiel ein Kind beichten, dass es ein anderes von der Predigt abgehalten hatte, indem es er­zählte, was gestern als Abendessen auf dem Tisch stand. Diese Idee fand ich so gut, dass ich sie gleich aufgriff und in meinem Sündenkatalog mit aufnahm. Damit es nicht wie geklaut aussah und Pfarrer K sich nicht immer das gleiche anhören musste, wandelte ich die Geschichte leicht ab: Ich hätte am Sonntag die Barbara neben mir in der Kirchenbank beim Beten gestört, in dem ich gefragt hatte, ob sie lieber Erdbeer- oder Schokoladen-Eis äße. „Und?“, fragte Pfarrer K, „was mag sie denn nun lieber?“ Da kniete ich dann ganz schön dumm da, denn ich wusste es ja nicht.

Leider war es so, dass Pfarrer K oft gar nicht „zur vollen Stunde“ kam, wie es im Kirchenblättl stand, sondern erst zur nächsten oder übernächsten vollen Stunde. An einem Samstagnachmittag war es ganz besonders schlimm. Pfarrer K kam und kam nicht. Nicht zur nächsten und auch nicht zur übernächsten vollen Stunde. Ob er wohl zu einer „Letzten Ölung“ gerufen worden war? Oder hatte er nur keine Lust darauf, sich unsere Kinderbeichten anzuhören? Sonst war niemand da, der beichten wollte. Wir zappelten auf der Kirchenbank herum, hatten uns schon erzählt, welche Bücher wir gerade lasen, welchen Buben in der Klasse wir am süßesten fanden und was wir jetzt im Moment am liebsten essen würden.

Plötzlich musste Brunhilde dringend aufs Klo.

In der Kirche gab es kein Klo und der Kinder­garten neben der Kirche war am Samstag zu. Wir warteten, zappelten weiter und litten mit Brun­hilde mit. Nach einer weiteren halben Stunde sagte Brunhilde, dass sie es nun nicht länger aushalten könne und schnell nach Hause aufs Klo gehen müsse. Sie klappte endgültig ihr Gebetbuch zu – da erschien Pfarrer K.

Wir ließen Brunhilde als erstes zu ihm in den Beichtstuhl hinein; sie war ja schon ganz blass. Von draußen hörten wir sie sagen: „Gelobt sei Jesus Christus – Herr Pfarrer ich muss aufs Klo“.

Die Geschichte ist gut ausgegangen: Brunhilde wurde ins Pfarrhaus zur Mutter von Pfarrer K geschickt, durfte dort endlich aufs Klo und konnte danach noch einmal in aller Ruhe ihre Sünden beichten. Manchmal war der Pfarrer K ein ganz netter.”

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Aus: Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten
Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. 
Brigitte Stolle 2016.

 Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016 ... Warum Pfarrer K mir das Kommunionskränzchen vom Kopf riss_Erste Heilige Kommunion Edingen 1968
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