Freitag, 2. Juni 2017

Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten

Heute: Die Titelgeschichte des Büchleins

“Es war ein Samstagnachmittag. Barbara, Brunhilde und ich saßen wie alle 4 Wochen in der Bruder-Klaus-Kirche direkt vor dem Beichtstuhl und warteten auf Pfarrer K, der, wie dem Kirchenblättl zu entnehmen war, immer „zur vollen Stunde“ die Beichte abnehmen wollte. Wir waren pünktlich zur Stelle, nach 10 Minuten hatten wir unser Gewissen sorgfältig erforscht und waren genau darüber informiert, was die beiden anderen beichten wollten. Dann warteten wir und wussten nicht so recht, was wir tun sollten. Die erste volle Stunde verging. Die zweite volle Stunde verging. Noch immer keine Spur von Pfarrer K. Wir er­zählten, lachten und kicherten und ärgerten uns, denn hinterher musste man beichten: „Ich habe in der Kirche erzählt, gelacht und gekichert.“ Dabei konnten wir doch überhaupt nichts dazu und hatten es auch nicht vorsätzlich getan.

Aber an diesem Beicht-Samstag sollte es erst gar nicht erst zum Beichten kommen. Und es sollte auch nicht zu einem „Ich-spreche-dich-los-von-deinen-Sünden-im-Namen-des-Vaters-und-des-Sohnes-und-des-Heiligen-Geistes-amen-gehe-hin-in-Frieden“ kommen. Stattdessen geschah etwas Unvorhergesehenes, etwas Entsetzliches, was alle unsere Pläne über den Haufen warf und uns den ganzen Samstag gründlich verdarb.

Während wir zu dritt vor dem Beichtstuhl auf Herrn Pfarrer K warteten, begannen wir uns allmählich zu langweilen. Wir langweilten uns so furchtbar, dass es vor lauter Langeweile fast nicht auszuhalten war. Ich stand ein bisschen auf, um mir die Beine zu vertreten und spazierte in der Kirche umher. Ich schaute mir die ausgelegten Heftchen und Broschüren an, betrachtete Bilder und Kircheninventar. Inzwischen hatten sich die beiden anderen zu mir gesellt und wir wanderten zu dritt durch den Kirchenraum. Es war richtig unheimlich so alleine im stillen Halbdunkel; das Herz klopfte uns bis zum Hals.

Endlich blieben wir links unterhalb der Stufen zum Altar stehen. Hier befand sich der Tabernakel. Der Tabernakel! Vom Kommunionsunterricht wussten wir, dass man vor dem Tabernakel eine Kniebeuge machen musste, weil das etwas ganz Heiliges ist und weil in dem kleinen Schrank die geweihten Hostien aufbewahrt werden. Wir machten also eine Kniebeuge und standen völlig ergriffen da. Direkt beim Tabernakel war auch das Ewige Licht. Im Religionsunterricht hatten wir gelernt, dass das rote Lämpchen immer brennt und niemals ausgeht. Das rote Glas um das Licht herum sollte uns an das Blut Christi erinnern und das Ewige Licht selbst sollte uns sagen, dass sich Gott immer hier im Raum befindet. Es war gespenstisch und faszinierend zugleich, dass dieses Licht ewig war und immer brannte. Denn vom Weihnachtsbaum zu Hause wussten wir ja, dass die Kerzen auch einmal zu Ende waren und dann das Licht ausging. Aber das Ewige Licht in der Kirche, so hatte es Pfarrer K gesagt, brannte immer und ewig, genau deswegen hieß es auch so, und das war das absolut Geheimnisvolle und Unglaubliche daran.

Ehrfürchtig hingen wir mit unseren drei Köpfen nur wenige Zentimeter über dem Ewigen Licht und staunten es respektvoll an. Von dieser Nähe aus hatten wir es vorher noch nie betrachten dürfen. Wir spürten seine Wärme und in unseren Herzen breitete sich eine andächtige Stimmung aus …

Bis ich plötzlich die Situation, wie wir da mit roten Gesichtern fromm über dem Kerzenlicht hingen, urkomisch fand – und vor Lachen explosionsartig herausprustete. Brunhilde und Barbara zogen ihre Köpfe erschrocken zurück. Eine von ihnen schrie sogar entsetzt auf. Ich hatte das ewige Licht ausgepustet!

Dann ging alles sehr schnell. Meine beiden Freundinnen nahmen die Beine unter die Arme und rannten panikartig los. Den Weg von der Kirche nach Hause, für den wir sonst eine Viertelstunde brauchten, legten sie in rasantem Sprint und in rekordverdächtigen fünf Minuten zurück. Ich stand alleine da und überlegte, ob ich weiter auf Pfarrer K warten und ihm im Beichtstuhl vom ausgeblasenen Licht berichten sollte. Aber irgendwie wurde mir unheimlich und beklommen zu­mute und die Sache mit dem Ewigen Licht erschien mir immer ungeheuerlicher, also verließ ich ebenfalls eilig die Kirche. Draußen vor der Tür traf ich auf den Messner Gottfried, von uns „Gottl“ genannt, der gerade in die Kirche hineinwollte. Im Vorbeirennen teilte ich ihm mit japsender Stimme mit: „Das Ewige Licht ist aus“. Dann machte ich mich schnell aus dem Staub und verbrachte einen schweigsamen Samstagabend zu Hause.

Wie die Geschichte weitergangen ist, weiß ich nicht. Am nächsten Morgen bei der Sonntags­messe brannte das Ewige Licht wie immer und tat so, als sei es niemals aus gewesen. Brunhilde, Barbara und ich sahen es mit Erstaunen und großer Erleichterung.

Aber immer, wenn danach noch irgendwann einmal vom „Ewigen Licht“ die Rede war, schauten wir uns mit bedeutungsvollen Mienen an. Wir wussten nun ja Bescheid; uns brauchte man mit solchen Märchen gar nicht mehr zu kommen.”

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Aus: Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten
Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. 
Brigitte Stolle 2016.

 Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016 ... Warum Pfarrer K mir das Kommunionskränzchen vom Kopf riss_Erste Heilige Kommunion Edingen 1968
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