Donnerstag, 6. Juli 2017

Wieso ich Pfarrer K duzen musste

“Pfarrer K war ein abwechslungsreicher Pfarrer und kaum, dass er bei uns war, begann er auch schon, diese und jene Neuerung einzuführen. Eine Neuerung war, dass er den Leuten nach dem Sonntagsgottesdienst von seiner Kanzel herunter erzählte, was für die kommende Woche alles auf dem Programm stand. Er sagte zum Beispiel, dass die Männer sich an diesem und jenem Tag zu einer Versammlung zusammentäten oder dass die Frauen dann und dann einen Basar mit eigenen Bastelarbeiten abhielten. Zum Schluss wandte er an die Kinder und er sagte nie, dass die Kinder sich da oder dort träfen, sondern er sagte: „Und WIR Kinder finden uns am Montag um 15 Uhr im Kolpinghaus zum fröhlichen Fastnachtstreiben ein.“ Wir Kinder fanden diese Redensart im Gegenteil zu den Erwachsenen nicht lustig, sondern etwas befremdlich und sogar peinlich. Die Vorstellung, zusammen mit dem Pfarrer Fastnacht feiern oder Weihnachtsplätzchen backen zu müssen, war uns unbehaglich. Tatsächlich war es dann aber so, dass Pfarrer K bei den angekündigten Terminen niemals auftauchte, um sich mit uns zu verbrüdern - was uns sehr erleichterte.

Eine andere Neuerung fand ich noch viel schwerwiegender. Pfarrer K setzte uns darüber in Kenntnis, dass er ab sofort an „ganz besonderen Sonntagen“ vom Altar in den Kirchenraum hinabsteigen würde, um etwas an die Kirchengemeinde weiterzugeben, was er seinen „Friedensgruß“ nannte. Und zwar solle das Ganze folgendermaßen ablaufen: Er würde sowohl auf der Frauen- als auch auf der Männerseite immer demjenigen, der in der vorderen Reihe ganz am Anfang säße, die Hand geben und „Der Friede sei mit dir“ sagen, worauf der oder die so Angesprochene mit „Und mit dir“ zu antworten und den Wunsch danach mit „Der Friede sei mit dir“ an die neben ihm sitzende Person weiterzugeben hätte. Und das Ganze immer so weiter, bis jeder den Friedensgruß erhalten hätte. Der allerletzte hinten in der letzten Sitzreihe müsste dann noch aufstehen, die Treppen zum Orgelraum hinaufklettern und den Friedensgruß an den Organisten bzw. an die Mitglieder des Kirchen­chors weitergeben. Ich empfand diese Ankündigung sofort als sehr unangenehm und nahm mir vor, niemals diese erste Person in der allervorder­sten Sitzreihe zu sein.

Aber dann passierte es mir eines Sonntags, dass ich nicht richtig aufgepasst oder nicht mitgekriegt hatte, dass heute ein „ganz besonderer Sonntag“ war. Ich war die Allererste in der Reihe und sah mit Entsetzen, wie Pfarrer K auf mich zuschritt, meine Hand nahm und „Der Friede sei mit dir“ zu mir sagte. Vor lauter Schreck antwortete ich zuerst gar nichts, sondern saß wie gelähmt da. Es entstand eine peinliche Stille und es wurde ein bisschen getuschelt. Pfarrer K hatte meine Hand nicht losgelassen und drückte sie nun kurz, um mich zur Antwort aufzufordern. „Und mit Ihnen“, sagte ich schnell und um mich herum wurde gelacht. Aber um nichts in der Welt hätte ich zu dem Herrn Pfarrer DU sagen mögen.

Kurze Zeit danach musste ich es dann doch – und sogar mehrmals hintereinander. Als Kommunionkind war man nicht nur am Weißen Sonntag Kommunionkind. Sondern man war fast ein ganzes Jahr lang amtierendes Kommunionkind, nämlich genau so lange, bis die nächsten Kommunion­kinder im Amt waren. Ein ganzes langes Jahr lang galt man bei allen hohen Feiertagen und bei besonderen Gelegenheiten als Kommunionkind und hatte seine Pflichten, was Pfarrer K nach dem Gottesdienst immer rechtzeitig von seiner Kanzel herunter bekannt gab: „Und WIR Kommunionkinder finden uns zum nächsten Gottesdienst in Kommunionanzug und Kommunionkleid ein“. Genauer: In vollständiger Kommunionverkleidung, mit Kränzchen und allem Drum und Dran.

Eine ganz besondere Gelegenheit war die In­vestiturfeier von Pfarrer K im Juni 1968. Er war zwar schon eine Weile bei uns, aber die offizielle und feierliche Einführung ins Amt hatte noch nicht stattgefunden. Eines Sonntags passte mich Schwester Maria Lena nach der heiligen Messe vor der Kirche ab und sagte: „Du, Brunhilde und Barbara, ihr drei sagt bei der Investiturfeier ein Gedicht auf.“

Ich wollte auf keinen Fall ein Gedicht aufsagen, aber es blieb mir nichts anderes übrig. Und weil ich von uns drei Mädchen das größte war, sollte ich auch noch die Ehre haben, beim Gedichtaufsagen in der Mitte zu stehen und das weiße Kissen zu tragen, auf dem der symbolische Kirchenschlüssel liegen würde, den ich Pfarrer K nach dem Gedicht überreichen musste. Das Gedicht hatte Schwester Maria Lena selbst gedichtet. Es bestand aus drei Strophen, wobei jede von uns eine Strophe auswendig zu lernen und sie Pfarrer K an seinem großen Tag vorzutragen hätte. Das Gedicht sollten wir zu Hause lernen und zusätzlich einmal pro Woche in den Kindergarten kommen, um es Schwester Maria Lena aufzusagen und das gemeinsame Zusammenspiel einzuüben.

Meine Strophe war gleich die erste. Ich war außer mir, als ich feststellten musste, dass ich in meinem Text gleich viermal hintereinander DU zu Pfarrer K sagen sollte und wand mich schon beim Auswendiglernen vor Peinlichkeit. Mein Teil des Gedichtes ging so:

„DU stehst im Auftrag Gottes
DU hast von ihm das Amt erhalten
Treu seiner Herde Amt zu walten
Auf allen DEINEN Hirtenpfaden
Sei DU dem Herrn getreu
Priesterwege, Priestersegen
Schafft die Erde neu.“

Das Gedicht hätte ja stellenweise überhaupt keinen Sinn, meinte Mama. Das fand ich auch und ich wollte das Gedicht überhaupt nicht aufsagen und wenn, dann wollte ich wenigstens die drei DUs und das DEINEN weghaben und versuchte, mit Schwester Maria Lena zu verhandeln. Sie ließ sich in keinem Punkt darauf ein. Die Investiturfeier sei am 29. Juni und jetzt, Mitte des Monats, es sei bereits zu spät, jemand anderen das Gedicht auswendig lernen zu lassen. Ich beschwerte mich über das vertrauliche DU und fragte, ob ich wenigstens eine andere Strophe nehmen dürfe. Denn Barbara und Brunhilde mussten in ihrem Gedicht nicht ein einziges Mal DU zu Pfarrer K sagen. Nein, sagte Schwester Maria Lena, ich hätte in der Mitte von uns dreien zu stehen, weil ich die Größte war und wer in der Mitte stünde und das Kissen mit dem Kirchenschlüssel trage, müsste mit dem Gedicht-Aufsagen beginnen. Und nein, ich dürfte im Gedicht nicht SIE zu Pfarrer K sagen, denn damit wäre die wunderbare Satzmelodie dahin. Denn wie klänge das denn: „Auf allen Ihren Hirtenpfaden seien Sie dem Herrn getreu“? Nein, das ginge nicht.

Der 29. Juni 1968 ging einigermaßen über die Bühne. Außer dass mir speiübel war und mir der Schlüssel auf dem Weg zur Kirche fast vom Kissen rutschte.”

Investiturfeier 1968. Auf dem Kissen liegt 
der symbolische Schlüssel zur Kirche:

In der Kirche sprach ich sehr leise und getraute mich nicht, Herrn Pfarrer K beim Duzen ins Gesicht zu schauen. Einige Leute beschwerten sich, dass die gar nichts verstanden hätten. Und am Nachmittag mussten wir das Gedicht noch einmal auf der Bühne vor einem vollen Festsaal ins Mikrophon sagen. Mein Hals war vor lauter Aufregung so trocken, dass ich krächzte wie ein uralter Rabe. Und dass wir nach unserem Auftritt jede ein Himbeer-Brausestäbchen zum Lutschen bekamen, rettete den Tag auch nicht mehr.”

In der Bruder-Klaus-Kirche beim Gedichtaufsagen:

 
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Als Barbara, Brunhilde und ich das Ewige Licht auspusteten

Aus: Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten
Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. 
Brigitte Stolle 2016.

 Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016 ... Warum Pfarrer K mir das Kommunionskränzchen vom Kopf riss_Erste Heilige Kommunion Edingen 1968
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