Samstag, 2. September 2017

Brennender Braten von Polizei gelöscht

“Lug und Trug! Wenn man die Unwahrheit gesagt hatte, musste man das beichten, so hatten wir es im Kommunionsunterricht gelernt. Wenn man bei Pfarrer K im Beichtstuhl kniete, sagte man zum Beispiel: „8. Wahrhaftigkeit und Ehre. Ich habe meinen Vater angelogen“.

Ich habe meinen Vater oft angelogen, nämlich immer dann, wenn er nervend fragte: „Habt ihr die Mathematik-Arbeit zurückbekommen? Habt ihr die Lateinarbeit zurückbekommen?“ Dann log ich und sagte: „Nein, noch nicht“. Auf diese Weise konnte ich mir ein paar Tage Zeit herausschinden, bevor Mäkeleien und Vorhaltungen kamen. Manchmal trieb ich es sogar noch weiter und flocht schein­heilig ein, dass der Lehrer wohl zu faul zum Korrigieren gewesen sei. Da kam ich bei meinem Vater genau an den Richtigen. „Ja, so ist’s recht“, schimpfte er, „so viel Urlaub und Ferien wie sonst niemand von der arbeitenden Bevölkerung – und dann noch faul sein.“ Und ich nickte betrübt dazu.

Wenn ich meinem Vater die benoteten Mathematik- und Lateinarbeiten schließlich zur Unterschrift vorlegte, war er über das Ergebnis immer so empört, dass er nicht auf das Korrekturdatum achtete und niemals dahinter kam, dass ich ihn an­gelogen hatte. Beichten musste man das aber trotzdem.

Ich war auch ziemlich empört, als ich eines Tages bemerkte, dass manche Leute sogar in aller Öffentlichkeit logen und ihre Schwindeleien außer­dem noch stolz in die Zeitung schrieben. Ich fragte mich, ob sie das hinterher beichten mussten, wie zum Beispiel bei Omas brennendem Braten.

Neckarhausen Polizeibericht Brennender Braten von Polizei gelöscht ... Brigitte StolleDie Wahrheit ist nämlich die, dass Oma den brennenden Braten selbst gelöscht hat – und nicht die Polizei. Meine Mutter fragte: „Kann ich nicht eine normale Familie haben, wo nicht dauernd was passiert?“. Ihr passierte in unserer Familie immer zu viel, zum Beispiel die Geschichte mit dem brennenden Braten. Und das kam so:

Es waren Ferien und Mama hatte sich ein paar Tage frei genommen, weil sie den Flur und einen Teil der Küche tapezieren wollte. Dabei konnte sie niemanden gebrauchen, der ihr unnütz im Weg herumstand. Gemeint waren: mein Vater, mein Bruder und ich. Also ging mein Vater arbeiten und mein Bruder und ich wohnten ein paar Tage bei Oma und Opa in der Schlossstraße in Neckar­hausen. Aufgrund ihrer Herkunft konnte meine Oma ein paar tolle Gerichte kochen: Mohnnudeln, Buchteln, Palatschinken, Powidldatschgerln, Zwetschgenknödel. An diesem Tag hatte sie aber keine Lust dazu und machte uns zum Mittagessen Schweinebraten mit Kartoffelbrei. Zumindest hatte sie das vor.

Während ich mit meinem Bruder im Hallenbad schwamm, tauchte und herumspritzte, setzte sie den Schweinebraten auf. Dann fiel ihr plötzlich ein, dass sie für den Kartoffelbrei keine Milch hatte. Sie verließ Wohnung und Braten, ging einkaufen und wollte uns auf dem Rückweg vom Hallenbad ab­holen. Alles wäre gut gegangen, wenn wir nicht längst mit dem Schwimmen fertig gewesen wären. Denn als Oma von draußen durch die großen Scheiben ins Hallenbad hineinspähte, um uns zu winken und Zeichen zu geben, dass wir das Wasser verlassen und zum Mittagessen kommen sollten, waren wir schon längst auf dem Heimweg durch den Schlosspark. Wir hatten uns verpasst und Oma verlor mit ihrer Sucherei durch die Hallenbadscheiben viel wertvolle Zeit.

Als mein Bruder und ich daheim ankamen, sahen und rochen wir die Bescherung: Das ganze Haus qualmte bereits und aus Omas Küchen­fenster im vierten Stockwerk quollen dunkle Rauchschwaden. Ich dachte gleich: „Hansi“. Hansi war der Kanarienvogel der Nachbarin, den Oma in Pension hatte. Es gelang mir nicht, durchs Treppenhaus nach oben zu kommen, denn der Qualm war so stark, dass ich husten musste und gleich wieder ins Freie torkelte. Mein Bruder schaffte es auch nicht und eine Nachbarin, die gerade vom Einkaufen heimkehrte, konnte nicht in ihre Wohnung im zweiten Stock. Die einzige, die es durch den beißenden Qualm bis zum brennenden Braten in den vierten Stock hinaufschaffte, war Oma selbst, die inzwischen aufgetaucht war. Die Rettung des Kanarienvogels Hansi trieb sie zu Höchstleistungen an. Sie riss als erstes das Küchenfenster auf, verfrachtete zweitens den Vogelbauer ins Wohnzimmer und schmiss drittens den brennenden Braten vom Ofen auf den Fußboden, wo sie das Feuer mit den Füßen austrat.

Oma hatte eine ihr eigene, ganz erstaunliche Grammatik. Aber erst nachdem sie in der rauch­geschwängerten Wohnung das Wichtigste erledigt und den Kanarienvogel Hansi in Sicherheit gebracht hatte, schrie sie uns aus Leibeskräften von oben durchs Treppenhaus zu: „Holt’s wem! Holt’s wem!“ Mein Bruder raste wie ein Blitz davon, schlug beim Rathaus die Brandmeldescheibe mit der bloßen Hand ein und blutete wie verrückt. Dann erst kam die Polizei. Den beiden Polizisten erging es ebenso wie mir, sie rannten ins Treppenhaus und kamen postwendend hustend und keuchend wieder heraus, weil sie frische Luft brauchten. Erst als sich der Qualm etwas verzogen hatte, schafften es mein Bruder, die Polizisten und ich, bis in den vierten Stock zu Küche und Oma vorzudringen.

„Viel Lärm um nichts“? Naja, genau genommen war es ja so: Oma musste mit einer Rauchver­giftung ins Krankenhaus, die Wohnung war einige Tage unbewohnbar, der Linoleumboden hatte ein riesiges Brandloch und der Schweinebraten war zu einem winzigen Stück Brikett verschmurgelt.

Kanarienvogel Hansi hat überlebt.”

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Aus: Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten
Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. 
Brigitte Stolle 2016.

 Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016 ... Warum Pfarrer K mir das Kommunionskränzchen vom Kopf riss_Erste Heilige Kommunion Edingen 1968Klick zu Amazon

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