Sonntag, 1. Oktober 2017

Mein Bruder purzelt als Messdiener vor dem Altar herum

“Aus irgendeinem Grund wurde mein Bruder eines Tages Ministrant. Das Wort kommt von ministrare, das ist Lateinisch und heißt ins Deutsche übersetzt „dienen“. Also war mein Bruder ein Messdiener und assistierte Pfarrer K bei seinen heiligen Handlungen.

Als Ministrant sah mein Bruder ganz fremd und komisch aus und man hätte ihn fast nicht mehr wiedererkannt. Wenn er Dienst hatte, betrat er die Sakristei mit seinen ganz normalen Kleidern und kam kurz darauf völlig verändert mit dem Pfarrer und den anderen Messdienern wieder heraus. Er trug einen roten Talar, der so lang war, dass man die Schuhe kaum sah, und darüber ein weißes Chorhemd. Er wirkte ganz verwandelt und fromm und das ehrfurchtserheischende Ensemble aus Pfarrer und Ministranten machte einen großen Eindruck auf mich.

Mein Bruder blieb nicht sehr lange Zeit Messdiener. Denn eines Tages passierte etwas, das ihn zwang, seine vielversprechende Ministranten-Laufbahn unverzüglich zu beenden.

Es war eine abendliche Andacht im Marien­monat Mai. Man betete den Rosenkranz. Bei Mai-Andachten war die Kirche nicht so voll wie bei den sonntäglichen Gottesdiensten. Es war weniger zu tun und deshalb kam immer nur der Pfarrer und zwei Messdiener und eine Handvoll Kirchen­besucher, vor allem uralte Frauen. Für einen Anfänger-Messdiener wie meinen Bruder war so eine Mai-Andacht eine gute Übung, man sagte ihm vorher kurz, was er zu tun hatte, die ganze „Dienerei“ war unkompliziert und dauerte vor allem nicht sehr lange. Wenn ein kleiner Fehler passierte, war es nicht so schlimm, denn die uralten Frauen saßen zusammengebuckelt auf den Kirchenbänken, murmelten ihren Rosenkranz herunter und achteten gar nicht so besonders auf die Fehler der Mini­stranten.

An diesem Mai-Abend schaffte es mein Bruder jedoch, mit spannenden Vorführungen und akrobatischen Darbietungen die alten Damen von ihren Rosenkränzen abzulenken und ihre Empörung hervorzurufen. Und das kam so:

Der Talar passte nicht. Er war meinen Bruder zu lang. Und zwar so lang, dass er nicht nur bis zu den Schuhen, sondern auch über sie und dann noch weiter darüber hinaus reichte. Durch einen schlurfenden Gang konnte man diesen Missgriff ein bisschen kaschieren. Beim Hinknien störte der überlange Talar auch nicht. Wohl aber beim Aufstehen!

Die beiden Messdiener knieten oben am Altar. Auf ein kleines Zeichen des Pfarrers standen sie wieder auf. Während der eine Messdiener schon wieder ganz manierlich aufrecht stand, trat mein Bruder beim Hochkommen mit dem Fuß hinten auf sein langes Messgewand. Im Physikunterricht hatten wir schon von Zugkraft und Zugspannung gehört. Das Gelernte wurde nun mit Hilfe des roten Talars wunderbar anschaulich in die Praxis umgesetzt: Der Stoff spannte sich extrem, riss meinen Bruder mit gewaltiger Kraft nach hinten und warf ihn zu Boden. Er purzelte haltlos vor dem Altar herum.

Dies alles geschah in Sekundenbruchteilen und brachte den Rhythmus des Rosenkranzbetens ein bisschen durcheinander. Pfarrer K blickte streng und schüttelte den Kopf, um sein Missfallen zu bekunden. Mein Bruder rappelte sich halb betäubt vor Schreck auf, trat nach hinten und wurde ein zweites Mal mit roher Gewalt umgerissen. Jetzt hörte man das erregte Getuschel der uralten Damen, die sich über das ungehörige Verhalten des Messdieners sehr empörten. Pfarrer K schüttelte noch heftiger seinen Kopf. Der zweite Ministrant kicherte. Aber es nutzte alles nichts: Wird ein Körper verformt und ändert sich seine Geschwindigkeit, so ist die Ursache dafür immer eine Kraft. Mein Bruder trat beim Hochkommen mit aller Kraft ein drittes Mal auf den Talar …

Am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule fragte ein Klassenkamerad scheinheilig: „Na, hast du gestern Abend gedient?“ Da wusste mein Bruder, dass die die Geschichte sich schon herumgesprochen hatte und um nichts in der Welt war er mehr zu bewegen, seine Ministrantentätigkeit fortzusetzen.”

Hoppla !

 Weitere Geschichten:

 Als ich politisch unkorrekt “Neger” zu einem farbigen Menschen sagte
Opa und ich kochen Neckarkrebs und wühlen im Müll
Als ich bei der Predigt an Gabis Blinddarm dachte und wie ein Sack umfiel
Warum Pfarrer K mir das Kommunionskränzchen von Kopf riss
Brunhilde beichtet, dass sie aufs Klo muss
Als Barbara, Brunhilde und ich das Ewige Licht auspusteten
Wieso ich Pfarrer K duzen musste
Mütter-Wallfahrt mit Oma als frommer Witze-Erzählerin

Brennender Braten von Polizei gelöscht

Aus: Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten
Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. 
Brigitte Stolle 2016.

Als Brunhilde, Barbara und ich das Ewige Licht auspusteten - Eine Jugend in Edingen-Neckarhausen zwischen Kindergarten, Kiesloch und Kirche. Brigitte Stolle 2016 ... Warum Pfarrer K mir das Kommunionskränzchen vom Kopf riss_Erste Heilige Kommunion Edingen 1968Klick zu Amazon