Samstag, 6. April 2019

Literatur und Kulinarik: Jonathan Noels Abendessen

Literatur und Kulinarik
aus: Die Taube, Novelle von Patrick Süskind

Jonathan Noel bewohnt ein winziges Zimmerchen in Paris und führt ein Leben in vollständiger Ereignislosigkeit. Als eines Tages doch ein Ereignis stattfindet (ein Taube sitzt vor seiner Wohnungstür) gerät sein Leben ins Wanken, Jonathan völlig aus dem Konzept. Er fühlt sich angeekelt, überfordert, überrumpelt und flieht … am Abend mietet er sich in einem kleinen Hotelzimmer ein mit der Gewissheit, nie wieder in seine Wohnung und sein altes Leben zurückkehren zu können.

Im Folgenden ist Jonathans Abendessen im Hotelzimmer beschrieben. Wir haben ähnliche Zutaten besorgt und das Essen nachempfunden. Kleine Unterschiede gibt es: zum Beispiel wird bei uns der Rotwein nicht aus der Flasche getrunken und statt Fladenbrot haben wir auf Baguette zurückgegriffen.

„Er machte sich auf, um ins Hotel zu gehen. Auf dem Weg dorthin, in der Rue d‘Assas, gab es eine tunesische Gemischtwarenhandlung. Sie war noch geöffnet. Er kaufte eine Dose Ölsardinen, einen kleinen Ziegenkäse, eine Birne, eine Flasche Rotwein und ein arabisches Brot.

Literatur und Kulinarik: Jonathan Noels Abendessen ... Zitat aus: Die Taube von P. Süskind --- Nachempfunden und fotografiert von Brigitte Stolle[….] schnitt die kleinen Sardinenleiber mit dem Taschenmesser quer durch, spießte eine Hälfte auf, streifte sie auf einem Fetzen Brotes ab und schob den Bissen in den Mund. Beim Kauen vermengte sich das mürbe, ölgetränkte Fischfleisch mit dem faden Fladenbrot zu einer Masse von köstlichem Geschmack. Vielleicht fehlen ein paar Tropfen Zitrone, dachte er – aber das war schon fast frivole Gourmandise, denn wenn er nach jedem Bissen einen kleinen Schluck Rotwein aus der Flasche nahm, ihn über die Zunge laufen ließ und zwischen den Zähnen bewegte, so vermischte sich nun seinerseits der stahlige Nachgeschmack des Fisches mit dem lebhaften säuerlichen Parfüm des Weines auf so überzeugende Weise, dass Jonathan sicher war, noch nie in seinem Leben besser gespeist zu haben als jetzt, in diesem Augenblick. Vier Sardinen enthielt die Dose, das machte acht kleine Bissen, bedächtig zerkaut mit dem Brot, und acht Schluck Wein dazu. Er aß sehr langsam. Er hatte einmal in einer Zeitung gelesen, dass hastiges Essen, gerade wenn man großen Hunger habe, nicht bekömmlich sei und zu Verdauungsbeschwerden, ja sogar zu Übelkeit und Erbrechen führen könnte.

Literatur und Kulinarik: Jonathan Noels Abendessen ... Zitat aus: Die Taube von P. Süskind --- Nachempfunden und fotografiert von Brigitte StolleNachdem er die Sardinen aufgegessen und das verbliebene Öl mit Brot aus der Dose gestipft hatte, aß er den Ziegenkäse und die Birne. Die Birne war so saftig, dass sie ihm beim Schälen beinahe aus den Händen glitschte, und der Ziegenkäse war so dicht gepresst und haftend, dass er an der Messerklinge klebte, und er schmeckte so plötzlich säuerlich bitter und trocken im Mund, dass sich das Zahnfleisch wie erschreckt zusammenzog und einen Augenblick lang der Speichel versiegte. Dann aber die Birne, ein Stück süßer, triefender Birne, und alles kam wieder in Fluss und vermischte sich und löste sich von Gaumen und Zähnen und glitt auf die Zunge und hinunter … und wieder ein Stück Käse, ein milder Schreck, und wieder die versöhnliche Birne dazu, und Käse und Birne – es schmeckte so gut, dass er die letzten Käsereste mit dem Messer vom Papier schabte und die Eckchen des Kerngehäuses aufaß, die er zuvor aus der Frucht geschnitten hatte …“

Literatur und Kulinarik: Jonathan Noels Abendessen ... Zitat aus: Die Taube von P. Süskind --- Nachempfunden und fotografiert von Brigitte Stolle
Fotos: Brigitte Stolle

  1. Schreibman

    Sonntag, April 7, 2019 - 00:53:18

    Schöne Idee, gefällt mir und macht direkt Appetit. Französische Ölsardinen gibt es in grosser Auswahl und den schönsten Dosen. Und mal wieder ne Birne essen, lang lang ists her. Und dazu die belgische Tageszeitung “Le Soir” lesen. Liebe Grüsse!

  2. Brigitte

    Sonntag, April 7, 2019 - 09:01:22

    Ich hatte leider wenig anderes Hintergrundpapier als LE SOIR und dachte: bestimmt merkt es keiner. Aber Schreibman hat es natürlich gemerkt, belgisch :-) Bei den Ölsardinen habe ich die schönste Dose genommen, derer ich habhaft werden konnte. Ein leckeres Essen - uns hat’s gut geschmeckt.

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